Im Land der Vergessenen von Aliyeh Ataei
Autorin: Aliyeh Ataei, Genre: Autofiktionale Erzählungen, Verlag: Luchterhand (Penguinrandomhouse), ISBN: 978-3-630-87781-5, 1. deutschsprachige Auflage 2025, 190 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Preisgekrönte iranische Autorin und Frauenrechtsaktivistin mit afghanischen Wurzeln.
Aus dem Persischen von Nuschin Maryam Mameghanian-Prenzlow
Die preisgekrönte iranische Schriftstellerin Aliyeh Ataei erzählt bewegend von ihrer Familie – und von der stillen Rebellion der Frauen. ‚Meisterhafte Erzählungen von einer der wichtigsten Stimmen des Iran. Diese Geschichten handeln von dem, was die internationale Presse nicht berichten kann.‘ Taher Ben Jelloun, Le Point
Sie kommt in Südiran zur Welt, in der Grenzregion zu Afghanistan. Hierher waren ihre Eltern vor den sowjetischen Besatzern von Kabul geflohen. In neun Erzählungen, die dreißig Jahre umspannen, taucht Aliyeh Ataei ein in die eigene Geschichte und in die ihrer Familie. Sie erzählt vom frühen Tod des von Flucht und Krieg gezeichneten Vaters. Vom Verlust des jungen Mannes, der ihre große Liebe bleibt. Und sie erzählt von Frauen, die still aufbegehren. Von Malalai, die in Teheran auf offener Straße angegriffen wird. Von Mahboubeh, die unter Verdacht steht, mit den Kommunisten zu sympathisieren. Oder von Anar, die einst in Kabul Englisch studiert und viele Jahre in London gelebt hat. Doch als sie wieder in ihre Heimat zurückkehrt, sind die Taliban an der Macht, und alle Leichtigkeit ist aus ihrem Leben verschwunden. (Klappentext)
November 2022
Während Aliyeh Ataei an ihrem Schreibtisch in Teheran sitzt und an diesen Erzählungen feilt, ertönen auf der Straße Gewehrsalven. Sie spürt ihren Gefühlen nach und weiß nicht genau, ob die Geräusche Angst oder Wut in ihr auslösen, gibt sie sich vermehrt der Melancholie hin, oder kann sie noch einmal alle Energie mobilisieren, um sich der Revolte anzuschließen. Sie hat nun fünfzig Jahre Krieg miterlebt.
Mitte der 80er-Jahre nahm ihr Vater am Iran-Irak-Krieg teil. Er kam ins Militärlager Birjand und wurde ausgebildet. An die Front kam er nie, wegen großer epileptischer Anfälle, die er zuvor nie gehabt hat. Zurück bei der Familie hatte sich der wohlgenährte, lächelnde Mann in ein dünnes, weinendes Wesen verwandelt. Die Anfälle kamen zu oft und hielten zu lange an. Er musste nach Teheran in die Klinik. Sie, die Ärztin und ein Fahrer brachten ihn durch die Wüste ins 1.200 Kilometer entfernte Krankenhaus.
1987
Mahboubeh aus dem Nordosten Irans lernte Aman Khan an der Ferdowsi-Universität kennen. Seine Mutter war die verstoßene Tochter eines Großfürsten aus Herat. (Afghanistan) Die kommunistische Tudeh-Partei, die auch zahlreiche Sympathisanten unter den Studenten hatte, sei das iranische Gegenstück zu den afghanischen Kommunisten. Fast alle seiner afghanischen Verwandten waren bei der sowjetischen Invasion abgeschlachtet und in Massengräbern verscharrt worden. Die islamische Revolution unterbrach ihr Studium und Maboubeh und Aman Khan heirateten heimlich im kleinen Kreis. Sie gingen als Lehrer in ein abgelegenes Dorf und bekamen zwei Kinder. Dort unterstellte man Aman, er sei ein Verräter an zwei Vaterländern, er müsse zurück nach Afghanistan, weil er dort sicherer sei. Maboubeh galt als eine gharise (Fremde) und wurde von den anderen Frauen verflucht und geächtet.
Fazit: Aliyeh Ataei, eine preisgekrönte iranische Autorin und Frauenrechtsaktivistin mit afghanischen Wurzeln, erzählt anhand mehrerer kurzer Geschichten von Frauen in Iran. Ich erfahre über die Zerstörung Afghanistans und das iranische Grenzgebiet. Die steten Machtwechsel, unterstützt durch die Vereinten Nationen (Amerika und Russland). Osama Bin Laden, der nie in Afghanistan war, die Taliban und der Islamische Staat, deren großes Interesse darin besteht, Menschen im Allgemeinen aber allen voran Frauen zu bedrohen. Innerhalb der Familien oder Klans werden Frauen geächtet, verachtet, misshandelt, bestraft und bedroht. Alte Fehde werden immer wieder aufgekocht und erhitzen die Gemüter. Für mich als Europäerin, die nie einen Krieg erlebt hat, ist die Situation kaum vorstellbar. So viele traumatisierte Menschen. So viele alte abgestandene Überzeugungen durch die unumkehrbare Vergangenheit, Bildungsarmut und wirtschaftliche Armut. Kaum vorstellbar das Leid und so weit weg. Ein eindrücklicher Erzählband für alle, die sich für den Nahen Osten interessieren.
Die Autorin: Aliyeh Ataei ist eine preisgekrönte iranische Autorin und Frauenrechtsaktivistin mit afghanischen Wurzeln. Sie gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Irans. Ihr Schreiben ist autofiktional; mit besonderem Fokus auf das Schicksal von Frauen. Aliyeh Ataei, 1981 in Iran geboren, wuchs an der zu Afghanistan auf und studierte an der Teheraner Universität Drehbuchschreiben. Im Land der Vergessenen wurde mit dem renommierten Mehregan-e-Adab-Preis als ‚Bestes Buch des Jahres‘ ausgezeichnet. Seit 2023 lebt Aliyeh Ataei in Paris.