Damenschach von Finn Job
Autor: Finn Job, Genre: Humorvolle Fiktion, Verlag: Wagenbach, ISBN: 978-3-8031-3371-7, 171 Seiten, Preis Hardcover €22,00
Eingeladen hat Marie-Louise niemanden, und doch klingelt ihr »Hausfreund« David, ausgestattet mit Blumen und Champagner, schon vor dem Frühstück. Sie ist noch im Pyjama. Angekündigt hat sich hingegen ihr eineiiger Zwilling, der neuerdings Marius heißt, um gemeinsam den runden Geburtstag zu feiern. Nur kommt er nicht allein. Seine Freundin Olivia weckt allerhand Begehrlichkeiten, und großen Hunger hat sie auch. Die Haushälterin Ivana führt unbemerkt Regie, behält die Ruhe und alles im Blick.
Eine exzentrisch überfüllte Architektenvilla im Wienerwald wird zur Bühne dieser zunehmend schrillen Dinnerparty, die vom Pizzaservice beliefert wird. Die Stimmung ist ebenso angespannt wie erotisch aufgeladen. Es wird laufend nachgeschenkt und vor allem gestritten. Darüber, wie man wurde, was man ist, was gesagt werden darf und zu befürchten wäre und wohin das alles führen kann. Irgendwann fällt ein Schuss. Ob Marie-Luise am nächsten Tag zum Damenschach gehen kann, ist durchaus ungewiss.
Dieser satirische Roman überzeichnet und entlarvt schwungvoll den grotesken Leerlauf der öffentlichen Rede. Eine intelligente, gegenwärtige Komödie in fünf Akten, die auch von den Sehnsüchten ihrer liebenswürdigen Figuren erzählt. (Klappentext)
Marie-Louise wird fünfzig. Da es sich in der Prämenopause schlecht schlafen lässt, hat sie die ganze Nacht Ingeborg Bachmann Gedichte gelesen. Sie will ein Mann sein. Nein, sie ist schon einer. Sie hat diese Architektenvilla, das Geld und ihre Affären mit Jungs, die halb so alt sind wie sie. Was braucht es mehr? Die Villa hat Thomas zu seinen Lebzeiten entworfen, aber das ist unerheblich. Heute wird sie nach Jahren ihre Zwillingsschwester wiedersehen, die sich jetzt Marius nennt.
Der erste Anruf des Tages kommt von Mutter. Marie-Luise schaltet ihr Telefon aus. Ihre Hausdame Irvana begrüßt sie zum Frühstück und gratuliert. Sie hat ein ganzes Silbertablett mit Palatschinken, Blutorangensaft, Quittenmarmelade und Semmeln beladen und nötigt Marie-Louise, sich den Teigfladen anzunehmen. Die bekommt allmählich Kopfschmerzen von dem unbequemen Sitzmöbel. Thomas war der Ansicht, dass unbequemes Sitzen den Alterungsprozess aufhalte. Und es stimmt auch, er war ja tatsächlich nicht alt geworden. Sie entsinnt sich, wie Thomas durch die Welt flaniert war und sie, die Strohwitwe, einmal pro Monat ins verhasste Venedig einlud. Wo sie ihrer üblichen Aufgabe des Schmollens nachkam und ihrer Mutter immer ähnlicher wurde.
Es klingelt und Irvana eilt zur Tür, noch bevor Marie-Luise sie aufhalten kann. Sie steckt in ihrem fleckigen Bademantel, die Haare zerzaust, weil sie niemanden erwartet hat. Jetzt hört sie im Flur die Stimme, die David ihrem Hausfreund gehört und sucht eine Fluchtmöglichkeit.
Fazit: Finn Job hat eine Gesellschaftssatire geschaffen, die rasant an Fahrt aufnimmt. Die Protagonistin ist eine privilegierte Fünfzigerin. Das Gefühl der Einsamkeit kompensiert sie, indem sie das statisch kühle Wohnambiente mit allerlei Tand, Kitsch und Antiquitäten aufmischt. Ihre Schwester hat sich einer geschlechtsangleichenden Operation gestellt und lebt nun das Leben eines wohlsituierten Galeristen, dessen Alleinstellungsmerkmal auf ethnischer Kunst beruht. Der Hausfreund entpuppt sich als depressiver Jasager mit Alkoholproblem und die „Zofe“, als kühl kalkulierte Bedienstete, die alles über ihre Hausherrin weiß, aber auch über ein immenses Allgemeinwissen und musische Begabungen verfügt. Die einzige Unbekannte ist die junge lesbische Begleitung Marius, die sich problemlos aushalten lässt. Der Autor lässt alle Beteiligten aufeinanderprallen. Im Streitgespräch scheinen alle Intensionen auf. Es geht um Political Correctness und Moralvorstellungen, die auf menschliche Gefühle wie Missgunst, Neid und Eifersucht prallen und stellt alle Besucher ins Rampenlicht. Es sind verzweifelte und doch irgendwie liebenswerte Charaktere, die in dieser skurrilen Geschichte koexistieren. Das war gute verrückte Unterhaltung.
Der Autor: Finn Job, geboren 1995 in Hannover, lebt in Berlin und Wien. Er studierte vorübergehend Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte. Gelegentlich schreibt er Essays, Glossen und Kurzgeschichten für deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Sein Schreiben wurde unter anderem vom Deutschen Literaturfonds und vom Berliner Senat gefördert. 2022 erschien sein von der Presse hochgelobter Debütroman ‚Hinterher‘.