Lieblingstochter von Sarah Jollien-Fardel
Autorin: Sarah Jollien-Fardel, Genre: Fiktion, LGBTQ-Literatur, Verlag: Aufbau Verlage, ISBN: 978-3-351-04197-7, 1. Auflage 2023, 221 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Aus dem Französishen von Theresa Benkert
»Wie im Fieber geschrieben: ungeschminkt, lebendig und wahrhaftig.« Libération Sarah Jollien-Fardel erzählt die Geschichte einer Befreiung, die unter die Haut geht: In den Walliser Bergen wächst die kleine Jeanne mit einem gewalttätigen Vater, einer verängstigten Mutter und der eingeschüchterten Schwester auf. Alle im Dorf wissen von der willkürlichen Brutalität des Vaters, alle schauen weg. Jeanne flüchtet in ihre Phantasie, in die Welt der Bücher und später ins Internat. Sie errichtet einen Schutzwall, der sie am Leben hält. Als junge Frau sucht Jeanne die körperliche Nähe von anderen Frauen. Mit jeder Begegnung rückt der Vater ein Stück weiter weg. Doch dann verliebt sich Jeanne in Paul, und sie muss sich entscheiden. Sarah Jollien-Fardel schreibt so berauschend wie klar über eine Frau, die ihre Vergangenheit um jeden Preis abstreifen will – um frei zu leben und zu lieben. »Roh und radikal.« Neue Zürcher Zeitung
»Sarah Jollien-Fardel hält den Wunden des Lebens die Kraft der Literatur entgegen.« Julia Schoch
»Ohne Voyeurismus oder falsche Scham erzählt Sarah Jollien-Fardel von dieser Vergangenheit, die zwar nicht ausgelöscht werden kann, aber jedem das Recht einräumt, sich neu zu erfinden.« Lire Magazine Littéraire (Klappentext)
Die Ich-Erzählerin Jeanne ist acht Jahre als ihr Vater sie fast totprügelt. Sie hätte es wissen können, es wissen müssen, weil sie nichts anderes tut, als ihn zu beobachten, zu erspüren, wann er neben sich tritt, sich vergisst, zum Monster wird. Aber Jeanne war unaufmerksam. Sie hat mit der stolzen Freude eines Kindes ein kleines Büchlein gebastelt, es mit Worten gefüllt und mitten hinein einen Tiger gemalt. Plötzlich steht er hinter ihr und fragt, was das wird. Jeanne, mit diesem großen Gefühl in der Brust, sagt: „Ein Tiger mein Lieber.“
Mein Lieber, hörte sie den Herrn Doktor zu einem Nachbarn sagen. Sie bewunderte den großen, ruhigen, gebildeten Mann, bis zu dem Tag, als sie, übersät mit Blessuren, in der Klinik vor ihr steht, ihm sagt, dass habe der Vater ihr angetan und der Doktor Augen und Ohren verschließt. Seitdem verachtet sie ihn.
Jeanne ist fünfzehn als sie den Absprung schafft und in ein Internat geht. Jedes laute Geräusch lässt ihr den Schrecken in die Glieder fahren, den Rücken krümmen und den Kopf einziehen.
Sie verleugnet ihre Herkunft und bricht den Kontakt ab. Die hübsche Kommilitonin Charlotte aus reichem Hause, ist die einzige, die ihr näher kommen darf. Charlotte verführt Jeanne und sie werden ein ungleiches Paar.
Sie macht mich ganz wahnsinnig, weil sie sich mehr für die Umgebung interessiert als für meinen Zustand, die Angst nicht wahrnimmt, die mir schwer im Magen liegt. S. 74
Fazit: Eine Geschichte mit Sogwirkung. Zuerst ist man neben Jeanne, mitten in ihrem Elternhaus und erlebt den tobsüchtigen, psychopathischen Vater. Sieht erschrocken mit an, dass ihr niemand hilft. Mutter und Schwester geht es nicht besser. Später wird klar, wie traumatisiert sie ist. Ihre Introvertiertheit, spricht man ihrer Wallisischen Herkunft zu. Die Protagonistin hat ein feineres Gespür für ihre Mitmenschen als für sich selbst. Die Beziehung zu Charlotte und deren Persönlichkeit, wird von der Protagonistin so gut analysiert. Jeanne hat sich ein eigenes Leben geschaffen, weit weg von ihrer Herkunft, ist autark, kommt jedoch aus ihrer Wut nicht raus. Sie schafft es nicht zu verzeihen. Sie wird ihrem Anspruch, ehrlich, loyal und integer zu sein, nicht gerecht, bleibt zerrissen und auf der Strecke. Sarah Jollien-Fardels Debüt wurde völlig zurecht mehrfach ausgezeichnet.
Die Autorin: Sarah Jollien-Fardel wurde 1971 geboren und wuchs in einem Dorf im Wallis auf. Sie lebte mehrere Jahre in Lausanne, bevor sie sich mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen wieder in ihrem Heimatkanton niederließ. Sie ist Chefredakteurin des Buchhändlermagazins Aimer lire. „Lieblingstochter“ ist ihr erster Roman, der u.a. mit dem Prix du Roman Fnac und dem Choix Goncourt de la Suisse 2022 ausgezeichnet wurde.
Theresa Benkert hat Deutsch-französische-Studien und Literaturübersetzen in Regensburg, Clermont-Ferrand und Düsseldorf studiert und ist seit 2017 als freie Übersetzerin tätig. Sie hat zuletzt die Romane »Die Schönheit des Himmels« von Sarah Biasini und »Scham« von Inès Bayard ins Deutsche übertragen.