Rezensionen Heimgehen

Heimgehen von Elke Cremer

Autorin: Elke Cremer, Genre: Literarische Fiktion, Episodenroman, Verlag: Dörlemann (Kampa), ISBN: 978-3-03820-187-8, 1. Auflage 03/2026, 190 Seiten, Preis Hardcover €22,00

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Es scheint zunächst ein Tag wie jeder andere zu sein – Menschen treffen sich in Cafés, freuen sich auf eine Verabredung, streiten miteinander. Ein kleines Mädchen hat eine unheilvolle Vorahnung. Als plötzlich eine Gewalttat geschieht, setzt sich eine Dynamik in Gang, die sich auf die Leben verschiedener Personen auswirkt. Ein lange abwesender Vater nähert sich seiner Tochter wieder an, eine andere junge Frau kommt unter mysteriösen Umständen zu Tode. Ein älteres schwules Paar findet aus einer Beziehungskrise heraus, und ein erfolgreicher Manager muss erkennen, dass er einen großen Fehler gemacht hat.
Auf geheimnisvolle Weise scheint das Leben zahlreicher Menschen in der Stadt miteinander verflochten. Ein temporeicher Episodenroman, der in vierundzwanzig Stunden alle großen Fragen des Lebens stellt. (Klappentext)

Donnerstag 13 Uhr

Seine Nachricht kam überraschend. Sie hat ihn seit Kindertagen nicht mehr gesehen. Sie versucht sich seine Stimme vorzustellen. Kann es nicht. Angst und Vorfreude. Sie könnte jetzt durch ihr lichtdurchflutetes Arbeitszimmer gehen und die unfertigen Bilder vollenden oder Manuels Geruch einsaugen. Sie muss weg, hat sie ihm gesagt. Eine Auszeit, hat die Unterrichtsstunden abgesagt, den Anrufbeantworter ausgestellt und Manuel um Geduld gebeten. Er hat es nicht gut aufgenommen und sie dann doch ziehen lassen. Sie läuft durch die Straßen dieser Stadt, von der sie noch nichts gesehen hat. Blaulicht flimmert am Himmel, Martinshörner drängen sich von hinten an ihr Ohr. Eine Frau in schwarzer Lederjacke, schwarzen Haaren läuft eilig über den Asphalt. Sie spürt einen stechenden Schmerz. Ein Knall drückt sie zu Boden, fühlt eine warme Flüssigkeit, die klebrig auf den Boden rinnt, schließt die Augen. 

Donnerstag 14 Uhr

Fragmente. Der erste Schuss trifft sein Trommelfell. Er wirft sich über Rico, der am Boden liegt und zittert. Erinnerung an das Gespräch mit den Sanitätern, die hektisch herumlaufen. Eine Gewehrmündung. Rico, dem er sanft auf die Wange klopft, flüchtende Passanten. Nur ein Streifschuss, so ein Glück, haben sie gesagt. Sie können jetzt nach Hause gehen. Kreislaufstabil entlassen. Dann Zuhause reagiert Rico nicht. Seine Augen schwarze Löcher, in die er sich zurückgezogen hat. Rico ist kalt, er deckt ihn zu, sagt: „Rico, du bist Zuhause, es ist der zehnte September, du bist in Sicherheit. Er wiederholt es mantramäßig und plötzlich fluten Ricos Lider.

Fazit: Elke Cremer, Autorin und Filmbeschreiberin, hat in eindringlichen Episoden das Leben von 12 Menschen in 24 Stunden beschrieben. Gegen Mittag schießt ein Amokläufer auf mehrere Menschen. Der Einzeltäter hat es zuvor im Netz angekündigt und konnte doch nicht aufgehalten werden. Seine Mutter hat schon lange keinen Zugang mehr zu ihm. Zu seinem Vater hat er keinen Kontakt, er ist es, dem er mit seiner Tat imponieren will. Von Anfang an baut die Autorin eine spannende Szenerie auf. Und doch ist die Tat eher ein Hintergrundrauschen. Viel faszinierender ist, wie die Autorin die Beteiligten miteinander verwebt. Ich bekomme einen Einblick in jedes dieser Leben, was die Menschen ausmacht, was sie bewegt. Nebenbei ereignet sich eine ganz andere Katastrophe und am Ende schließt sich der Kreis und ich verstehe, in welchen Zusammenhängen die Leute verbunden sind. Das hat mich ganz stark an den Film „Short Cuts“ erinnert. Interessantes Thema, feiner Schreibstil, bildreiche Inszenierung. 

Die Autorin: Elke Cremer, geboren 1975 in Ludwigshafen, studierte Literatur und Musikwissenschaft in Freiburg, München und Florenz und lebt als Autorin und Filmbeschreiberin in Berlin. Für ihr literarisches Schaffen erhielt sie das LiteraturJahresstipendium der Kunststiftung Baden Württemberg und den Lyrikförderpreis der GEDOK Heidelberg. Bisher erschienen das Lyrikheft Linien aus Bienen, der Lyrikzyklus Die Mandarinenorakel (gemeinsam mit Eva Brunner) und 2022 der Lyrikband Aufriss ohne Häuser. In den Jahren 2017, 2022 und 2023 erhielt sie den Deutschen Hörfilmpreis.

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