Gegenwartsliteratur 2026

Mama & Sam von Sarah Kuttner

Sie steht in der Wohnung ihrer Mutter und starrt auf das Loch im Dielenboden. Es sieht aus wie diese Kreidezeichnungen nach polizeilichen Ermittlungen. Die Tatortreinigerin erklärt, dass die Körperflüssigkeiten in das Holz gezogen sind. Vierzehn Tage hätte sie da gelegen, das sagte auch der Leichenbeschauer. weiterlesen

Partypeople von Stefan Sommer

Sie stehen im Lustpark von Schloss Versailles. Er, Monsieur infrarot, der ihm während der Wartezeit auf seinen Auftritt einheizt und Monsieur Umbrella, der ihm im Schneeregen das Haupt trocken hält. Der Tech-Riese aus Palo Alto, der das Event für den Launch eines E-SUV Herstellers finanziert hat, scheint es so gewollt zu haben. Die Tickets kosteten im Early-Bird Vorverkauf 170 € und scheinen ausverkauft. weiterlesen

Oroppa von Dafae El Khannoussi

Salomé Abergel liegt in dem Bett, in Hbibs Haus, die Arme erhoben und schreit. Es sieht aus, als würde sie den Sensemann persönlich würgen. Eigentlich müsste sie längst tot sein. Sie wiegt nur noch vierzig Kilo, der eine Lungenflügel ist zusammengefallen, der andere kämpft mit einem Bakterium. Aber dieses Schreien. weiterlesen

Toxibaby von Dana von Suffrin

Toxibaby hat viel Zeit, ins Leid zu fallen. Er will sich nicht verbiegen und anpassen, im täglichen Strudel des Broterwerbs ertrinken. Er lässt sich treiben, arbeitet stattdessen die philosophischen Fragen des Lebens ab und Herzchen hilft ihm dabei. Sie sei eben anpassungsfähig, sagt er, deswegen hat sie auch ihr erstes Buch geschrieben und für das hoffentlich baldige Zweite einen satten Vorschuss kassiert. weiterlesen

Supertoskana von Max Küng

Jean und Jaqueline sitzen in der Kirche und betrauern die Eltern von Salome und Filipp, die in einem Bus in Tunis ertrunken sind. Jean sieht sich verstohlen um, ob Bernhard und Veronika anwesend sind. Er hatte Veronika seit ihrem letzten Frankreichurlaub mehrmals gegoogelt und die Firmenfotos von ihr angesehen und fand, dass sie mit dem blonden Bob und der Brille regelrecht verwegen aussah. weiterlesen

Guten Morgen, schönes Wetter heute von Tanja Kokoska

Ina rennt aus dem Haus, fünf Minuten später, als sie wollte. Sie hetzt einmal um den Block, vorbei an der Obst- und Gemüseauslage der Arslans vor der Zweiundzwanzig. Entlang am Erdgeschoss von Frau Kaiser, die sich vor dem Kühlschrank bückt und die Butter nicht findet, in der Fünfundachtzig. Abgehetzt kommt sie auf dem Behandlungsstuhl ihres Zahnarztes zum Sitzen. weiterlesen

Ochsenkopf von Manik Sakar

Rensing Senior war sich der Defizite seines Sohnes bewusst. Ihm war aber auch klar, dass der Junge einige Stärken hatte, bei denen er selbst nicht mithalten konnte. Als er die Kuh auslud, stand der Junior am Hintereingang des Schlachtraums und sagte: „Die ist wässrig“. „Die ist wässrig, äffte der Alte ihn nach. weiterlesen

Ich geh jetzt los und bring mich um von Fang Fang

He Hanqing will sich endlich erleichtern. Ihr Darm signalisiert ihr, dass es an der Zeit ist. Sie läuft zur Toilette und während sie die Tür öffnet, wird sie von hinten am Pulli festgehalten. Komm schnell mit, schreit Sanhuas Mann, ich brauche deine Hilfe. Sofort verstummt ihr Darm. weiterlesen

Trost von Angelika Klüssendorf

Rita zieht den Morgenmantel über den Schlafanzug. Der Januar ist bitterkalt. Joachim ist zurück nach Berlin gefahren, so halten sie es seit elf Jahren. Sie schaltet die Kaffeemaschine ein, zündet eine Zigarette an und öffnet das Fenster. Eine kleine Schar Marienkäfer hat sich im Fensterrahmen versammelt. Sie öffnet den Mund, atmet tief ein, erstaunt, hustet, spürt einen stechenden Schmerz. Ihr Herz eine Leerstelle, sie bekommt keine Luft. weiterlesen

Die Dichterin von Özge Inan

Emma Rodenstock kommt von ganz unten. Sie erinnert sich gut an die Zeit, als sie an der Tafel anstand und ihrer Mutter ein paar geschenkte Lebensmittel in die Tasche schob. Jetzt hat sie geschafft, was kaum einer ihresgleichen erreicht hat. Sie ist ganz oben angekommen, tingelt durch die deutschen Talkshows und verkündet ihre Agenda über Armut. weiterlesen

Magisch von Annika Büsing

Magisch ist wieder da, sagt Henning. Sofort sieht Marie die Bilder vor sich. Magisch und sie schliefen immer in einem Bett. Sie waren Kinder und er brauchte die Nähe, weil Mama Magisch nach dem Tod ihres Mannes krank vor Kummer war. Maries Eltern nahmen Magisch einfach zu sich. Vor sechzehn Jahren fing es an, dass sie nicht mehr nur nebeneinander schliefen. weiterlesen

Anti Müller von Yade Yasemin Önder

Ihr Tinder Date heißt Andi. In den ersten fünf Minuten erfährt sie, dass er freier Schauspieler und gerade aus Stockholm von einem Filmdreh zurück ist, zwei Serien aus dem Backoff mit seiner Stimme betört und wie er sich auf die Premiere in München freut. Er redet viel, fragt nichts. Die Mutter seiner Zwillinge und er leben getrennt und er datet noch eine andere. weiterlesen 

Frag nach Susan von Souvankham Thammavongsa

Sie alle tragen Namensschilder, auf denen Susan steht. Die Kunden können das besser aussprechen. Die Haare schulterlang, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt. Es ist leicht, sie zu verwechseln, aber das macht nichts. Sie machen Maniküre, Pediküre, Facials, Waxing und Threading und sie hören sich Geschichten an. weiterlesen

Evas Tochter von Annette Mengels

Greta steigt vom Rad ab und beobachtet das Zelt genau vor der Klinkervilla. Es stand am Rande des Bürgersteigs, die Heringe in den Vorgarten des großen Anwesens geschlagen. Was das wohl soll? „Mama?“. Isabells Stimme aus dem Fahrradanhänger. Sie muss sie in die Kita bringen, steigt wieder auf und radelt los. weiterlesen

Wand an Wand von Maja Zade

Und, fragt Johanna. Was und? Maja legt sich quer aufs Sofa, das Telefon am linken Ohr und schaut aus dem Fenster in die Krone des Kastanienbaums. „Was ist mit deiner irren Nachbarin im Erdgeschoß“? „Chaotisch, gestern hat sie wieder stundenlang geschrien, bis jemand die Polizei gerufen hat. weiterlesen

Kapitulation auf Kommando von Nadia De Vries

In den letzten Jahren meiner Jugend gehörte ich einer kleinen Truppe von Sonderlingen an. Wir kamen alle aus Familien, die von fragilen Menschen angeführt wurden, und der Großteil unserer Erziehung unterlag dem Zufall. S. 9 weiterlesen

Nach der Sonne schauen von Martina Hefter

Die Installationskünstlerin Iona ist von Leipzig aufs Umland gefahren. Sie hat eine Halle mitten in der Natur angemietet. In die Natur, die sich ihre Landschaft nach dem Ende des Tagebaus zurückerobert hat. Sie wird ihr nächstes Objekt planen. Die Landschaft, die sie umgibt in 5.000 Jahren. Ein Urwald aus Biopolymer. weiterlesen

Ein ganz normales Wunder von Woody Brown

Jorge schleicht durch die Hintertür der Station Richtung Schwimmbad und Parkplatz. Walter sieht es die Pfleger nicht. Die unterhalten sich ausschweifend über die letzte Folge Long Island, die Walter nicht gesehen hat, weil seine Mom sie nicht gucken will. Walter möchte sich bemerkbar, darauf aufmerksam machen, dass Jorge verloren gegangen ist, weil er sich um den sanften Riesen sorgt. weiterlesen