Gegenwartsliteratur 2024-25

Wohnverwandtschaften von Isabel Bogdan

Eine gelungene Geschichte, die Isabel Bogdan gezeichnet hat. Die Kapitel beginnen mit dem Tagesdatum und einer Protagonistin, der sie beim Denken zugeschaut hat. Wechselweise lese ich über das Innenleben aller Beteiligten oder schaue ihren Interaktionen zu. weiterlesen

Schwindel von Hengameh Yaghoobifarah

Ava ist die junge queere Frau, die früh von ihrem Vater verlassen wurde. Sie wuchs bei ihrer Mutter auf und lebt mittlerweile allein in einer Hochhaussiedlung. Gerade ist ihr Date Robin bei ihr, die aus Avas Sicht ihre Langzeitbeziehung vorschiebt. Obwohl Ava sich mehr Nähe von Robin wünscht, macht sie die emotionale Distanz auch irgendwie an und so nimmt sie sich von Robins Körper, was sie kriegen kann. weiterlesen

Reality Reality von Tone Schunnesson

Bibbs liebt Baby. Als sie sich kennenlernten trug sie Kleidergröße 40. Ihr Business als Influencerin lief mächtig. Die Firmen warfen ihr die Parfüms und Schminke hinterher. Mickey half ihr mit seinen Ideen größer zu werden bis sie MTV moderierte. Ganz Stockholm erkannte sie auf der Straße. Sie hatte sich mit Baby eine größere Wohnung in der Slipgatan gemietet. Also Baby hatte sie gemietet, aber Bibbs hatte sie gefunden. weiterlesen

Identitti von Mithu Sanyal

Als Niveditas berühmte Professorin Saraswati einen Shitstorm erlebt, ist Nivedita stinksauer. Nicht auf den Shitstorm sondern auf die Professorin, denn die maßte sich an, eine Identität vorzutäuschen, und sich damit einen Platz auf dem postkolonialen Lehrstuhl ergaunert zu haben. Dahin sind Niveditas Bewunderung und der Glaube an die Richtigkeit Saraswatis süßer Worte. weiterlesen

Haus aus Wind von Laura Naumann

Johanna ist Synchronsprecherin seit ihrem elften Lebensjahr. Ihre Mutter hatte sie für ein Casting angemeldet und kurz darauf war sie zum Shootingstar avanciert. Johanna hat sich in der Branche einen Namen gemacht, ist breit aufgestellt, angenehm und unkompiziert in ihrem Wesen. Zehn Jahre später hat sie eine Agentin, die sie regelmäßig vermittelt und so was wie Burnout. Zu allem Übel hat Rosa, Johannas Freundin sich nach sieben Jahren getrennt, weil sie Kinder will und Johanna Kinder nicht ausstehen kann. weiterlesen

9 Grad von Elli Kolb

Josie und Rena sind seit ihrer Kindheit unzertrennlich. Als Anton in ihre Stufe wechselte, nahmen sie ihn freundschaftlich auf. Beide verlieben sich für kurze Zeit in ihn, doch er sagte ihnen, dass er Frauen nichts abgewinnen kann. Rena hat sich mit den beiden in der Sauna verabredet, weil sie etwas Wichtiges mit ihnen besprechen will. weiterlesen

Seemann vom Siebener von Arno Frank

Kiontke ist der Bademeister des örtlichen Freibads. Im Ochsen haben sich die Leute eine Weile das Maul über ihn zerrissen, weil der nach dem Desaster keine Anstalten gemacht hat zusammenzubrechen.Renate öffnet pünktlich das Kassenhäuschen. Heute, am letzten Ferientag, soll der heißeste Tag des Jahres werden und sie wappnet sich für den Ansturm. weiterlesen

Auf allen Vieren von Miranda July

Sie wohnt mit ihrem Mann Harris und Sam, ihrem siebenjährigen non-binären Kind in einem Haus am Stadtrand von Los Angeles. Sie kommt nach Hause und findet einen Zettel ihres Nachbarn Brian. Ein Mann habe mithilfe eines Teleobjektives ihr Haus fotografiert. Brian arbeitet beim FBI, das weiß sie, weil er seine schusssichere Weste immer trägt. weiterlesen

Intimleben von Niccolò Ammaniti

Maria Christina Palma ist Mitte vierzig, Mutter einer Zehnjährigen und die Frau des italienischen Ministerpräsidenten Domenico Mascagni. Letzteres hat sie selbst entschieden. Ihre Tochter Irene ist umgeben von Hauspersonal und trifft längst ihre eigenen Entscheidungen. weiterlesen

Der Kaninchenstall von Tess Gunty

Zwei Tage bevor Blandine ihren Körper verlässt, geht sie in den Waschsalon. Ihre einzige derzeitige Obsession findet sie in den Lehren der Benediktinerin Hildegard von Bingen. Eigentlich hat Blandine wegen der Fetischisierung Jesu Leidens ein Problem mit den Mystikerinnen, aber die liebt sie. Joan sitzt ebenfalls im Waschsalon. Blandine drängt ihr ein Gespräch auf, voller Euphorie eine Gesprächspartnerin gefunden zu haben. Doch Joan bleibt einsilbig. weiterlesen

Hey guten Morgen, wie geht es dir?

Juno Isabella Flock schlägt sich durchs Leben. Ihr Tagesablauf ist diszipliniert. Morgens hilft sie ihrem Mann Jupiter aus dem Bett in den Rollstuhl, dann ein schnelles Frühstück und danach Ballett. Der Tanz hält sie jung, streckt ihren ganzen Körper, der nach oben drängt und sie, in der Mitte ihres Lebens, mit voller Funktionsfähigkeit beschenkt. weiterlesen

Achtzehnter Stock von Sara Gmuer

Die Zweizimmerwohnung im achtzehnten Stock eines Berliner Plattenbaus gehört Wandas Onkel. Trotz des Schimmelbefalls unter dem Waschbecken nennt er sie sein Kronjuwel. Wanda ist im Mietrückstand, weil sie schon ewig keine Castings mehr hatte und deswegen auch keine Rolle. Ihr Agent Frank, der sie eines seiner besten Pferde im Stall nennt, will, dass sie immer erreichbar ist. Aylins Mama wohnt am Ende des Flurs. Sie passt manchmal auf die fünfjährige Karlie auf, verdreht aber bei dem Wort Casting die Augen. weiterlesen

Geht so von Beatriz Serrano

Marisa ist zweiunddreißig und nach dem abgebrochenen Kunststudium vor acht Jahren in der Werbeagentur gestrandet. Sie hatte sich den Knöchel verstaucht und musste ihre Schicht in der Bar absagen, einer der Jobs, mit denen sie ihr Studium finanzierte. Den anderen Job in der Agentur konnte sie von zu Hause bedienen. Im Grunde hat der Besitzer der Bar über ihre weitere Zukunft entschieden. weiterlesen

Auf der Kippe von Emma Pattee

Dort, wo das Kinderbettchen aus Kiefer sein müsste, in Regal 13-Fach 8 winkt gähnende Leere. Die Dame im gelben Shirt mit der Aufschrift Hej, der orangen Foundation im Gesicht und dem pinkfarbenen Leoprint auf den Nägeln sieht sie genervt an: „Es müssen noch drei im Regal sein.“ „Sind sie nicht.“ Ob sie im richtigen Regal nachgesehen hat, will die circa Zweiundzwanzigjährige wissen. weiterlesen

Im Leben nebenan von Anne Sauer

Sie verlässt den Schreibtisch. Nur kurz zur Toilette, gleich wieder da, informiert sie ihre Kollegin. Im WC zittert sie, weil ihre Ahnung gleich bestätigt wird. Im Slip eine rotbraune Spur, die kalte Toilettenbrille an ihren Schenkeln, Spritzer roten klumpigen Blutes in der Keramik. Elf Wochen, länger konnte sie es diesmal nicht halten. weiterlesen

Moscow Mule von Maya Rosa

Tonya träumt von einem Haus mit Garten. Glück, so stellt sie es sich vor, ist es, mit einer Tasse Tee auf der Veranda zu stehen und ihrem Hund beim Spielen zuzusehen. Für die lebhafte Karina ist das nichts. Für sie bedeutet Glück nichts anderes als Stillstand und Trägheit. weiterlesen

Gym von Verena Kessler

Ferhat sitzt hinter seinem Schreibtisch und druckst rum. „Also, wie soll ich es sagen?“ Es gefalle ihm, wenn sein Team die Fitnessbranche auch verkörpere, ob sie verstehe, was er meine? Klar verstand sie, mit den fettigen Haaren und der labbrigen Hose, die ihren Bauch nur ansatzweise versteckt, würde sie sich auch nicht einstellen. Und weil sie den Job unbedingt haben will, sagt sie, sie habe gerade erst entbunden. weiterlesen

Monstergott von Caroline Schmitt

Ben liegt in einer Turnhalle, die eine kleine christliche Gemeinde gemietet hat. Zwei Männer knien neben ihm und beschwören Gott, er möge sich seiner bemächtigen und den Teufel aus ihm heraustreiben, so Ben wieder Gottes treuer Diener werden könne. Für diese Prozedur nahm Ben 200 Kilometer auf sich, weil er dringend wieder auf den rechten Pfad kommen muss. weiterlesen

Die Unbußfertigen von Elina Penner

Die Moderatorin lächelt süffisant ins Publikum. Sie wird zehn Menschen auf die Bühne rufen, die es im Social-Media-Ranking weit gebracht haben. Als ersten ruft sie den Publikums-Lieblings-Fuckboy Justin auf. Er schlendert lässig auf die Bühne, ist Ende zwanzig, eine hübsch anzusehende Matthias Schweighöfer Version im beigen Leinenanzug. weiterlesen

Da, wo ich dich sehen kann von Jasmin Schreiber

Die Therapeutin fragt Maja, warum sie das gemacht hat. Maja zuckt mit den Schultern, blickt auf die Hände in ihrem Schoß, atmet schneller. Sie will nicht mehr in Spiegel schauen, zu groß ist die Angst, dass sich dann die Ranken um ihren Hals wickeln und sich zuziehen. Sie will aber auch die Therapeutin nicht reinlassen, was weiß die schon, gar nichts. weiterlesen

Das Leuchten des Himmels an dunklen Tagen von Elli Kolb

Die Therapeutin fragt Maja, warum sie das gemacht hat. Maja zuckt mit den Schultern, blickt auf die Hände in ihrem Schoß, atmet schneller. Sie will nicht mehr in Spiegel schauen, zu groß ist die Angst, dass sich dann die Ranken um ihren Hals wickeln und sich zuziehen. Sie will aber auch die Therapeutin nicht reinlassen, was weiß die schon, gar nichts. weiterlesen