Rezensionen Polyphon Pervers

Polyphon Pervers von Béla Rothenbühler

Autor: Béla Rothenbühler, Genre: Satire, Verlag: Voland & Quist, ISBN: 978-3-86391-446-2, Deutsche Erstausgabe 2025, 209 Seiten, Preis Taschenbuch €22,00

Aus den Schweizerischen von Uwe Dethier

Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2024

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In einer beschaulichen Kleinstadt in der Schweiz passiert Erstaunliches: Kaum gegründet, mischen Sabine und Schanti mit ihrem Verein „Polyphon Pervers“ die Kulturszene auf. Risikofreudig und clever agierend steigen sie als Theater-Produzentinnen zu nationalen Grössen auf und scharen eine illustre Runde um sich: vom eitlen Regisseur Lucien über den versoffenen Ghostwriter Yves, den Lebemenschen und DJ Milan und die opportunistische Schauspiel-Grösse Chantal bis zu Jules und seinen Hanf-Bauern, die unversehens als Performance-Künstler brillieren. Dem Erfolg ordnet der Verein für Unterhaltung im Laufe der Geschichte alles unter, und so folgen auf erste Unsauberkeiten schon bald alle möglichen Formen des Betrugs.
Béla Rothenbühler belebt mit seinem zweiten Roman die Tradition des Schelmenromans neu – diesmal mit schlagfertigen Hochstaplerinnen. Seine satirische Reise durch Kultur, Unterhaltung und Geld ist nicht nur clever, sondern selbst ein Meisterwerk der Unterhaltung. (Klappentext)

Die Sabin hatte die Idee und deswegen versteht sich ja von selbst, dass die der Kopf von Polyphon Pervers ist. Und weil die Schanti die beste Freundin von der Sabin ist, ist auch klar, dass sie die mit ins Boot geholt hat, als Kopf Nummer zwei. Die Sabin und die Schanti sind seit sieben Jahren ganz eng. Die haben im Sommer siebzehn absolut gar nichts anderes gemacht als auf ner Badewiese zu liegen. Da dachte die Sabin dann, man könne ja was machen und wenn schon, dann was geiles, so Leute treffen, bisschen Wein und Theater und das sagte die dann auch und das machten die dann auch.

Man solle das Projekt um Himmelswillen nicht Kunst nennen, hat die Sabin gesagt. Die Kunst sei so streitbar und kompliziert. Auch Kultur sei der falsche Begriff, weil da könne man sich so schwer abgrenzen, denn schließlich seien die Fasnachtbatschies ja auch Teil der Kultur, die dann im besoffenen Kopf ihre Schnapskaffees in den Fluss kotzten und die Fußballfans betrieben ja auch Fankultur. Und die Faschos hätten das Konzept ja mittlerweile auch für sich entdeckt. Und da hat die Sabin ja auch vollkommen recht. Unterhaltung sei das angemessene Wort für ihr Projekt, da könne man sich schön breit aufstellen und mal in Ruhe schauen, wie sich das Ganze dann so entwickelt. 

Im Tournesol, man kann sagen, Kulturzentrum für Subkultur, aber das soll man ja nicht sagen, weils mittlerweile son Schubladenöffner ist. Da gibts Kunst, Konzerte, Partys, Poetry-Slams, regionale Limos, ein veganes Mittagsgericht, das Büchertauschregal, den queeren Stammtisch. Also quasi ein ganzes Haus voll Unterhaltung, da hat die Sabin dann einen Raum angemietet, um Polyphon Pervers groß zu machen.

Fazit: Béla Rothenbühler hat eine urkomische Inszenierung geschaffen. Er lässt seinen (ich schätze autofiktionalen) Protagonisten mundartlich über die Kunst- und Kulturszene schwadronieren. Er erzählt die Geschichte von zwei besten Freundinnen, die einen gemeinnützigen Verein aus dem Boden stampfen, der in erster Linie ihnen nützt. Polyphon Pervers trifft den zeitgeistigen Nerv und expandiert schier endlos. Beide haben ein glückliches Händchen und finden gleich die richtigen Stellen, die ihre Subventionstöpfe ausschütten. Die Mädels stellen ein ganzes Ensemble an Mitwirkenden ein. Irgendwann übertreffen die Einnahmen die Ausgaben, aber auch dafür findet sich eine Lösung. Der Autor gibt einen lustvollen, frivolen Einblick in die Szene und beleuchtet die Zusammenhänge zwischen Kommunalpolitik, kulturellem Engagement und Vetternwirtschaft und ich habe selten etwas so Komisches gelesen. Dieses Buch ist eine ungeheuer kreative, geistreiche und humorvolle Reise durch die Kantone. Ich habs geliebt.

Der Autor: Béla Rothenbühler, geboren 1990 im schweizerischen Reussbühl, ist freischaffender Dramaturg, Autor und Musiker. Mit dem Kollektiv „Fetter Vetter & Oma Hommage“ ist er in der freien Luzerner Theaterszene aktiv, mit der Krautrockband „Mehltau“ als Musiker. Sein luzerndeutscher Debütroman „Provenzhauptschtadt“ erschien 2021 bei Der gesunde Menschenversand. Sein Zweitling „Polifon Pervers“ erschien 2024 ebenda, landete auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2024 und gewinnt 2025 den Schweizer Literaturpreis. Rothenbühler lebt und arbeitet in Luzern.
Uwe Dethier, 1959 in Kleve geboren, lebt als freiberuflicher Übersetzer und Autor in Düsseldorf. Er arbeitete zuvor als Schreiner, Bühnentechniker und Lichtdesigner. Seit 1992 arbeitet er als freier Übersetzer aus dem Amerikanischen, Australischen, Niederländischen, Flämischen und aus schweizerdeutschen Dialekten. Für Voland & Quist hat Uwe Dethier den Dialekt-Roman kunstvoll in eine am gesprochenen Wort orientierte hochdeutsche Sprache übertragen.
Der Verlag Voland & Quist (kurz: VQ) steht für mutige, emanzipierte, frische Literatur, die in keine Schubladen passt, für Komik und Lyrik, für besondere illustrierte Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbücher (Graphic Novels). Wir lieben gute Geschichten, aber auch Grenzgänge, Ungewöhnliches, Experimentelles. Stimmen, die man unter hunderten wiedererkennt.

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