Rezensionen Karacho

Karacho von Susanne Schirdewahn

Autorin: Susanne Schirdewahn, Genre: Gegenwartsliteratur/Frauen, Verlag: Voland & Quist, ISBN: 978-3-86391-462-2, 1. Auflage 04/2026, 176 Seiten, Preis Hardcover €22,00

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Die Künstlerin Kira, Mitte Vierzig, lebt mit ihrem Ehemann Vau und zwei jugendlichen Söhnen in Berlin. Eines Tages verabschiedet Vau sich mit den Worten: Ich liebe dich nicht mehr. Und als wäre das nicht genug, hat er auch noch eine Neue, jünger und bald auch schwanger. Kira muss sich entlieben, doch wie soll das nach 20 Jahren Ehe gehen? Von nun an schlägt sich Kira durch den Alltag, macht eine Weiterbildung – das Künstlerinnendasein allein reicht zum Leben nicht -, hat neue und wiederkehrende Liebhaber, versucht, eine gute Mutter zu sein, uns stellt fest, dass sie sich zwar nie trennen wollte, mit jedem Tag des Getrenntseins aber auch Erleichterung verspürt. Irgendwann erkennt sie: es ist höchste Zeit, neuen Mut zu fassen und das Leben mit Karacho zuzulassen. Unverstellt und eindringlich erzählt Susanne Schirdewahn vom Frau-Sein, vom Mutter-Sein, vom Scheitern und Wiederaufstehen, und fragt sich dabei, wie frau es schaffen kann, im eigenen Leben die Hauptrolle einzunehmen. (Klappentext)

Ich liebe dich nicht mehr. S. 7

Das sind die Worte, mit denen Vau nach zwanzig Jahren Ehe Kiras Träume zerschossen hat. Jetzt muss sie sich entlieben und hat keine Ahnung, wie das geht. Vor drei Wochen sagte er ihr, dass er etwas Neues, etwas anderes braucht. Jetzt ist er Vegetarier. Sie fühlt sich wie eine gelöschte Festplatte, weiß plötzlich nichts mehr. Wie kann man ein halbes Leben mit zwei Kindern einfach auflösen?

Natürlich hat sie sich Vaus Instaprofil genauer angesehen und weiß jetzt, sie hat einen Namen und sie ist blond. Vau spaziert derweil mit so einem debilen Verliebtheitsgrinsen durch den Tag und trägt jetzt einen jugendlichen Schimmer auf der mittelalten Haut. Kira fühlt sich unattraktiv. 

Vau hatte sie protegiert und ihr zur Kunst geraten, darin ist sie wirklich gut. Leider verdient sie damit nicht genug Geld. Sie wird weiter erdulden müssen, dass Vau zwischenzeitlich übernächtigt „nach Hause“ kommt, um sich mal richtig auszuschlafen. Warum hat sie sich nicht mehr für sich engagiert und ist durchgestartet? Hat sie zu sehr nach seinen Wünschen gelebt? 

Wie sie als Kind jeden Adrenalinkick mitnahm. Tennis wollte sie spielen und lieh sich von Britta das Outfit. Dann stand sie auf dem Platz, sollte sich beweisen und dachte, so schwer kann das nicht sein. Dann flogen die Bälle nur so aus der Maschine, dass sie sich wegducken musste. Sie traf keinen einzigen, spürte aber den mitleidigen Blick Brittas in ihrem Rücken. Tennis hat sie nicht gelernt, dafür eine Lektion fürs Leben.

Fazit: Susanne Schirdewahn, bildende Künstlerin und Autorin, verhandelt die Trennungsphase einer Frau von ihrem Ehemann. Ihre Protagonistin hat versucht, in der Kunstwelt Fuß zu fassen und eine gute Mutter zu sein. Nach dem Bruch ist das Selbstmitleid groß. Unverständnis und verletztes Ego quälen sie. Doch dann geht Kira auf Spurensuche, wer sie einmal war und wie sie sich dem Familienleben angepasst hat. Schließlich siegt der Wunsch, unabhängig und frei zu werden. Die Erzählung ist richtig amüsant, voller Selbstironie und gespickt mit Metaphern und Einsichten. Die Sprache ist frisch und spritzig. Was mich fasziniert hat ist, wie die Autorin zunehmend das Tempo erhöht. Ihre quirlige Protagonistin weiß, was sie will und zieht durch. Sie findet Nebenjobs, Ausstellungsmöglichkeiten und Liebhaber. Sie tankt Selbstbewusstsein und steigt in ihrem eigenen Ansehen. Sie findet heraus, was sie braucht und setzt das um. Ich sitze da, bewundere sie und beobachte, wie sie ähnlich eines Marathons in die Zielgerade einbiegt. Ich feuere sie an, schwenke Fähnchen und am Ende ist sie die Kira, die sie immer schon hätte sein sollen und ich bin atemlos und glücklich. Dieser Roman ist enorm unterhaltsam und sehr motivierend. Das war emotionales Kino zum Thema weibliche Selbstermächtigung.

Die Autorin: Susanne Schirdewahn studierte Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Seitdem ist sie als bildende Künstlerin, Autorin und Kuratorin tätig. Als Kolumnistin schreibt sie für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften (u.a. Berliner Zeitung, Das Magazin) und entwickelt ungewöhnliche Formate wie: „Darf ich Sie zeichnen?“, wo sie Prominente porträtiert und dabei interviewt. Sie ist Lesegast bei diversen Lesebühnen, v.a. aber festes Mitglied der Lesebühne „Des Esels Ohr“ (kurz: DEO), zusammen mit Kirsten Fuchs u.a.

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