Das zwölfte Haus von Malin C.M. Ronning
Autorin: Malin C.M. Ronning, Genre: Familiendrama, Verlag: Karl Rauch, ISBN: 978-3-7920-0295-7, 1. deutschsprachige Auflage 03/2026, 318 Seiten, Preis Hardcover €27,00
Ein dunkler Diamant
Molli ist zum ersten Mal seit mehreren Jahren wieder in ihrer Heimatstadt. Ihr Bruder Bill liegt im Koma, nachdem er schwer verletzt neben der Leiche seines Freundes Ib gefunden wurde.
An Bills Bett sitzend, erinnert sich Molli an ihre Kindheit. Alles beginnt viele Jahre zuvor, als ihre Mutter Karla sich in Frank verliebt und mit ihm zusammenzieht, zusammen mit Molli und Bill. Von einem Tag auf den anderen wird ihr relativ armes, aber ansonsten normales Leben durch das strenge Regime des kontrollsüchtigen, tyrannischen Frank ersetzt.
Als Karla und Frank über den Sommer verreisen und die Kinder unter der unfähigen Aufsicht ihres Onkels zu Hause zurücklassen, treten Chaos und die Gefahren uneingeschränkter Freiheit an die Stelle rigider Kontrolle.
Eindringlich und zart beschreibt Malin C. M. Rønning diese Sommerwochen in Rückblenden der erwachsenen Molli, deren ungesicherte Umgebung und ihren Willen, sich hieraus zu befreien. (Klappentext)
Mollis Haus steht kurz vor dem Fjord. Fünfunddreißig Quadratmeter für sie und ihren Hund. Es ist das zwölfte Haus, in dem sie wohnt, diesmal allein. Sie wird bald dreißig, arbeitet in einem Pflegeheim. Die Tote vor ihr ist erst gestern eingeliefert worden und hörte in der Nacht auf zu atmen. Molli zündet fünf Kerzen an und öffnet das Fenster.
An ihrem sechzehnten Geburtstag ist sie mit zwei Pappkartons und einer Decke ausgezogen. Sie fuhr mit dem Bus zur eigenen Wohnung, schloss auf, legte sich auf den Fußboden, zog die Decke über sich und schlief bis zum nächsten Abend.
Sie sitzt auf der Bank vor dem Pflegeheim, als Karla anruft. Sie geht nicht gleich ran. Karla ruft selten an, meistens ist es Molli und dann gibt Karla sich so, als würde sie stören, als hätten sie gerade erst telefoniert, dabei ist es schon vier Monate her.
Karla kann ihre Aufregung kaum verbergen: „Sie haben Bill und Ib am Fluss gefunden. Zwischen Ibs Zehen steckte noch die Spritze. Beide hatten blutige Gesichter. Bill liegt im Krankenhaus und atmet trotz gebrochener Rippen. Sie wissen nicht, ob er wieder aufwachen wird.
Es gibt viele Arten von Gewalt, man kann einen ganzen Strauß davon abbekommen. S. 18
Karla wurde von einem fürchterlichen Mann erwählt: Sein Blick, wenn Mollis Gabel beim Abendessen versehentlich über den Teller kratzte, seine flache Hand, die auf den Tisch krachte, die Stille davor und danach, der Puls an seinem Hals.
Fazit: Malin C.M. Rønning erzählt eine düstere Familiengeschichte aus Sicht der zehnjährigen Molli. Ihre Mutter Karla träumt von einer Fußbodenheizung, einer Wäscheleine ganz für sich und Ruhe im Haus, denn Karla verdient ihr Geld nachts. Der kontrollsüchtige Frank kann ihr das bieten und so zieht sie mit ihren Kindern Molli und Bill in ein abgelegtes Industriegebiet in Franks blaues Haus. Der sechzehnjährige Bill bewohnt den ausgebauten Keller, die anderen leben oben. Schnell wird klar, dass Frank keine störenden Kinder mag. Als Karla Frank für vier Wochen zu einem Job begleitet, beauftragt sie ihren Bruder Dan, auf die Kinder aufzupassen und schon bald laufen die Ereignisse aus dem Ruder. Die Gewaltherrschaft durch Frank und einige andere Vorkommnisse verunsichern Molli tief, die sich zunehmend zurückzieht. Es ist tragisch zu sehen, wie Karla an diesem Mann festhält, der völlig unzulänglich ist. Wie sie sich die Dinge schönredet. Eine Weile macht es den Anschein, als wäre sie eine liebevolle Mutter, doch tatsächlich will sie stets für gute Stimmung sorgen und alle bei Laune halten vor allem Frank, der unter der Oberfläche immer brodelt. Der Autorin ist eine Geschichte gelungen, die unangenehm und verstörend ist. Molli sieht Dinge, die selbst bei mir, einer Erwachsenen, Albträume hervorrufen würden, ganz abgesehen von dem Mangel an Fürsorge, Struktur und Verlässlichkeit. Für alle, die psychologisch tiefgreifende Plots mögen. Erinnert am ehesten an „An Rändern“ von Angelo Tijssens.
Muss ich erwähnen: Das Cover fühlt sich an wie Wachs und ist haptisch vergnüglich.
Die Autorin: Malin C. M. Rønning, geboren in Porsgrunn (Norwegen), hat creative writing und literarische Gestaltung studiert. Ihr erster Roman Skabelon wurde für den Tarjei-Vesaas-Debütantenpreis nominiert. Sie lebt und arbeitet in Oslo.