Sicheres Haus von Marina Vujcic
Autorin: Marina Vujcic, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: Residenz Verlag, ISBN: 978-3-7017-1820-7, 1. deutschsprachige Auflage 02/2026, 279 Seiten, Preis Hardcover €25,00
Aus dem Kroatischen von Mascha Dabic
Ausgezeichnete Autorin, Kolumnistin und Redakteurin
„Du hast deinen Ehemann getötet“ – so beginnt Marina Vuj-i-s Roman, eine Selbstvergewisserung, ein Geständnis. Lada Lon-ar sitzt im Frauengefängnis und ihr wird klar: Das „sichere Haus“ findet sie hier, unter Verbrecherinnen und Mörderinnen, und nicht in der bürgerlichen Ehe, die sich als Horrorkabinett entpuppt hat. Lada lässt ihr Leben Revue passieren: Als junge Frau dachte sie, in der Ehe mit einem Universitätsprofessor ihr Glück zu finden. Doch daheim verwandelte sich dieser bald schon vom brillanten Unterhalter in ein besitzergreifendes, weinerliches, zunehmend aggressives Monster. Was sich hinter der perfekten Fassade abspielt, will keiner sehen, bis ein Streit so eskaliert, dass Lada zusticht. Nun ist sie Opfer und Täterin zugleich … (Klappentext)
Lada sitzt im Frauengefängnis. Außer ihr hat noch eine andere Insassin einen Menschen getötet. Trunkenheit am Steuer und dann starb eine junge Frau. Lada tötete ihren Mann in Notwehr. Sie war in Not und hat sich gewehrt, aber das hilft ihr nicht weiter. Neun Jahre wird sie hier verbringen. Warum ist sie nicht einfach weggelaufen? Warum hat sie nicht die Polizei gerufen? Warum hat sie nicht schon früher über die angebliche Misshandlung gesprochen?
Und dabei begann alles wie ein Wunder. Ihr Dozent, der Professor, der nicht ihr Betreuer war, ihr aber dennoch eine Liste mit Literaturempfehlungen schickte. In der nächsten E-Mail ließ er sie wissen, dass er sie privat treffen wolle. Dieser Abend, an dem sie sich wie ein Mädchen fühlte und alles aus ihr heraussprudelte, jedes kleinste Geheimnis, weil er sie sah, sich für sie interessierte. In ihm sah sie den kultivierten Mann, der so viel über Wein und Essen wusste, der ihr seine Zeit schenkte, ihr, die niemand war. Sein origineller Humor, der sie lachen machte, der Charme, der sie einhüllte, sein Charisma, das sie fesselte. Er war galant, gebildet, markant, entschlossen und verliebt in sie.
Schnell gab sie ihre erste Wohnung auf und zog zu ihm, das wäre so viel praktischer, sagte er. Bald darauf heirateten sie im kleinen Kreis. Nur sein Freund und dessen Frau als Trauzeugen. Ihre Familie durfte nichts davon wissen. Er wolle etwas Unkonventionelles mit ihr erschaffen, denn ihre Liebe sei besonders. Danach blockierte ihre Schwester ihre Handynummer.
Fazit: Marina Vujcic, Autorin, Kolumnistin und Redakteurin, hat eine eindringliche fiktive Geschichte über häusliche Gewalt erzählt, die tödlich endet und in Kroatien für heftige Diskussionen sorgte. Das Besondere an ihrer Erzählung ist, dass ihre Protagonistin ihren Mann, den Vater ihrer kleinen Tochter tötet, nicht umgekehrt. Während sie vor sich und der Welt Rechtfertigungen sucht, lässt sie ihr Erleben, in nächtlichen Briefen an ihn, revue passieren. Das, was Lada passiert ist durchleben viele Frauen. Zuerst wurde sie mit Liebe überschüttet. Die unsichere Lada fühlte sich in seinem Blick auserwählt und formbar. Die anpassungsfähige Lada versuchte ihm gerecht zu werden, wenn er sie tagelang ignorierte und dann beschimpfte, schubste und schlug. Sie glaubte ihm, wenn er sagte, dass sein Verhalten daran liege, dass er sie wie verrückt liebe. Er erzählte von einer schrecklichen Kindheit und Lada glaubte ihn retten zu können, den Dämon in ihm zu besänftigen. Sie brach alle Kontakte ab, weil er nicht ertrug, wenn sie mit anderen sprach. Er manipuliert ihre Eltern, fragt den Vater um Rat und lobt das Essen der Mutter, das um so vieles besser schmeckte als Ladas. Er erniedrigte Lada in seltenen öffentlichen Auftritten. Und er trank sich in den Hass, der sich in nächtlichen Attacken über Lada ergoss. Erst durch den Abstand im Gefängnis durchschaut sie sein Handeln bis ins kleinste Detail. Mir blieb zwischenzeitlich die Luft weg, weil der emotionale Druck, den der Täter ausübt, der im juristischen Sinne das Opfer ist, so enorm ist. Wenn ich das beschreiben wollte, was die Protagonistin erlebt hat (Hölle, Martyrium) würde ich nur Worthülsen finden. Am ehesten trifft es vielleicht PTBS durch Liebe? Auch die Stimmfarbe der Autorin, die ruhig und frei von dramatischen Übertreibungen ist, macht die Geschichte so realistisch. Sowie die Erzählperspektive, sie spricht sich selbst und ihren Mann mit Du an. Ein wichtiges Buch für alle, die die Psychopathologie bei Narzissmus gepaart mit Sadismus verstehen wollen.
Die Autorin: Marina Vuj-i-, geboren 1966 in Trogir (Kroatien), lebt und arbeitet als Schriftstellerin, Kolumnistin und Redakteurin in Trogir und Zagreb. Sie hat an der Universität Zagreb Kroatische Sprache und Literatur studiert. Sie zählt zu den produktivsten und bekanntesten Autor*innen Kroatiens, sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, u.a. „Susjed“ (2025, Dt.: „Nachbar“), für den sie den VBZ- und Tisak-Media-Preis erhielt. „Sigurna Küa“ (2024. Dt.: „Sicheres Haus“) sorgt seit Erscheinen in Kroatien für heftige Diskussionen.