Rezensionen Bildnis eines Unsichtbaren

Bildnis eines Unsichtbaren von Hans Pleschinski

Autor: Hans Pleschinki, Genre: Biografie, Verlag: C.H. Beck, ISBN: 978-3-406-84343-3, 1. Neuauflage 03/2026, 313 Seiten, Preis Hardcover €25,00

Vielfach ausgezeichneter Autor

Mit einem Nachwort von Anja Kampmann

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Roman einer großen Liebe in Zeiten der sexuellen Befreiung Silvester 1999 in Paris. Die siebziger und achtziger Jahre in München. Die Nachkriegszeit in West- und Ostdeutschland. Kunstszene und Literaturbetrieb, unwandelbare Liebe und ausgeflippte Abenteuer. Vor diesem bunten Hintergrund entwirft Hans Pleschinski das Porträt seines lebenslangen Gefährten, eines der letzten Bohemiens im ausgehenden 20. Jahrhundert. Ein Münchner Galerist wird tot in seiner Wohnung aufgefunden – von seinem Freund. Dreiundzwanzig Jahre hat die Beziehung bestanden: Jahre bewegter Liebe und künstlerischen Austauschs, Jahre in Luxus und Armut, Jahre der Trauer um die ringsum Sterbenden, Jahre der Angst vor dem eigenen Tod und der unbändigen Lebensfreude. Hans Pleschinskis „Bildnis eines Unsichtbaren“ erzählt von der Lebenswirklichkeit einer Generation, die angetreten war, mit den bürgerlichen Tabus zu brechen, und deren neues Selbstbewusstsein durch Aids einen mörderischen Tiefschlag erfuhr. Die Eleganz und Atemlosigkeit seines Erzählens lassen einen nicht los, bis am Ende des Romans der Bann der größten Bedrohung gebrochen ist. Aus der Hand legt man ein Buch über Glücksmomente, Katastrophen und Lebensübermut – die Bekenntnisse eines Davongekommenen aus einer fast erloschenen Welt. (Klappentext)

Hans besuchte seinen damaligen Weggefährten Serge nach vielen Jahren in Paris. Sie wollten Silvester 1999 gemeinsam verbringen. Die vielen Jahre AIDS hatten die Stadt entvölkert. Serge war bisher auf dreiundvierzig Beerdigungen gewesen. Er verbrachte nur noch jedes vierte Wochenende in Paris, den Rest der Zeit arbeitete er auf dem kleinen Weingut seiner betagten Eltern in Roussillon.

Hans erinnert die Zeit, als er achtzehn war und mit dem Zug zum ersten Mal nach Paris kam. Kurz vor Antritt des Zivildienstes wollte er die Stadt der Liebe gesehen haben. Er war in einer Jugendherberge untergekommen, die sich als ausgebaute Gartenlaube mit je sechs Pritschen entpuppte. Nach der langen Fahrt schlief er ein, und als er erwachte, saß Serge auf dem Bett gegenüber. Einen so schönen Mann hatte er noch nie gesehen. Trotz Hans Schüchternheit kamen sie ins Gespräch. Er wollte in die Oper und da Serge selbst noch nie in der Oper war, begleitete er ihn. Am nächsten Abend saßen sie im Palais Garnier und lauschten der Musik Monteverdis. 

Danach entdeckten sie gemeinsam Versailles – die Pracht auf Erden. Sechzig Kilo Gold in den Tapisserien verwebt. Sie lachten über Ludwig den XIV.

… hielten ihn für die erfolgreichste heterosexuelle Tunte, die je geatmet hat. Mit Federbüschel, Quasten, Tressen am Hut, Rubingehänge und Schnallenschuhe mit roten Absätzen. S. 13

Nach drei Wochen saß Hans im Nachtzug und heulte. Er dachte, sie würden sich nie wieder sehen. Doch dann reisten sie mit einem klapprigen VW-Käfer durch Deutschland. Sie führten ein Jahr lang konsequent Briefkontakt und jedes Jahr war Hans bei Serge. Bei einer Schlossbesichtigung in der Nähe von Melun brach Serge plötzlich vor dem Porträt Liselottes von Pfalz schweißgebadet zusammen. Nach einer Pause und einem Steak ging es besser. Serge war der erste HIV-Infizierte den Hans kannte. 

Fazit: Der vielfach ausgezeichnete Autor Hans Pleschinski erzählt in dieser Neuauflage fünfunddreißig Jahre seines Lebens und von den Menschen, denen er begegnete. In seiner atmosphärischen Erzählung gewinne ich einen Eindruck seiner Zeit, in der ich selbst vierzehn war. HIV hielt Einzug und verunsicherte die Schwulenszene zutiefst. Plötzlich konnte jeder Träger dieses (damals) todbringenden Virus sein. Die unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges und des Wettrüstens waren gegenwärtig. Als junger Künstler und Intellektueller wollte er dem spießigen Muff des Bürgertums mit allen Konventionen entgehen und schloss sich dem Lebensstil der Bohème, entstanden im Pariser Quartier Latin, an. Er fand Weggefährten aus den künstlerischen Bereichen, die ihn unterstützten und mit denen ihn lebenslange Freundschaft verband. Allen voran den älteren Galeristen Volker, mit dem er dreiundzwanzig Jahre, bis zu dessen Tod eine tiefe Beziehung pflegte. Der Autor erzählt über die Beschaffenheit der nüchternen Persönlichkeit Volkers, der den jüngeren sehnsüchtigen Hans erdete. Die Geschichte ist ein kulturelles, intellektuelles Feuerwerk. Feurige Lebenslust gepaart mit Aufbruchstimmung findet Abkühlung in den weltlichen Katastrophen und es erfordert eine Menge Lebensmut, den Gefahren nicht mit depressivem Rückzug zu begegnen. Das Buch ist ein Zeitzeugnis aus der Sicht einer anderen Gesellschaftsschicht. Und ich muss gestehen, dass ich nicht nur außen vor geblieben bin, sondern mich regelrecht ausgeschlossen habe. Das passiert mir selten in Büchern und ich habe lange darüber nachgedacht, woran das liegt. Ich hatte den Eindruck einer elitären Gruppe dabei zuzusehen, besonders zu sein und das war so weit von meiner Lebenswirklichkeit, von meinen Nöten und Ängsten entfernt, dass ich mich distanziert habe. Ich muss aber auch betonen, dass das mein ganz persönlicher Eindruck ist. Ich habe von Leser*innen gehört, die das Buch sehr schätzen konnten. Für alle, die „Zwei Männer in einem Raum“ von Walter Vogt mochten.

Der Autor: Hans Pleschinski, geboren 1956, lebt als freier Autor in München. Zuletzt erhielt er u.a. den Hannelore-Greve-Literaturpreis (2006), den Nicolas-Born-Preis (2008) und wurde 2012 zum Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres der Republik Frankreich ernannt. 2014 erhielt er den Literaturpreis der Stadt München und den Niederrheinischen Literaturpreis. 2020 wurde ihm der Literaturpreis der Konrad-Adenauer- Stiftung zuerkannt. Hans Pleschinski ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

 

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