Rezensionen Reizklima

Reizklima von Silke Knäpper

Autorin: Silke Knäpper, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: Danubebooks, ISBN: 978-3-946046-48-6, 1. Auflage 03/2026, 130 Seiten, Preis Hardcover €22,00

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Eisiger Wind schlägt an die Fenster der Kurklinik. Im Innern ein Gewirr von Treppen, Gängen, Stimmen. Eine ungleiche Gesellschaft hat sich im „Spiegelsaal“ zusammengefunden. Darunter auch Nelli, kaum keine Teenagerin mehr und schon gezeichnet von Krankheit und Enttäuschung, geradezu süchtig nach Leben. Immer wieder bricht sie aus dem Klinikalltag aus. Oder Andre-, der Berufssoldat, gerade erst aus Afghanistan zurückgekehrt, dessen zuvorkommendes Auftreten nicht ganz zu dem passen mag, was tatsächlich in ihm vorgeht, und der wohl mehr als nur ein Geheimnis verbirgt. Eine der „Insassen“, wie sie sich selbst scherzhaft nennen, ist Eva. Die Ich-Erzählerin findet in den Lebensgeschichten der anderen die Brüche in ihrer Existenz wieder und taucht dabei tief ein in ihre Vergangenheit.
Sie alle suchen „Heilung“. Und im scheinbar Trennenden findet sich eine nicht zu leugnende Gemeinsamkeit: Sie alle sind zerbrechliche Fremdko-rper in einer Welt, in der die eigene Haut nicht dick genug sein kann.
Durch die Unmittelbarkeit des Erzählens werden in diesem vielschichtigen Mosaik der Psychogramme eine ganz besondere Spannung und Nähe erzeugt. (Klappentext)

Andre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm Gischt ins Gesicht spuckt, scheint den Berufssoldaten nicht zu stören. An manchen Tagen sieht Eva ihn in Sportkleidung die Klinik verlassen und zum Strand runterlaufen. Zum Frühstück kommt er fast immer, zum Abendessen gelegentlich. Später am Abend sieht man ihn im Spiegelsaal. Er ist höflich, aber auch ein bisschen unheimlich.

Sie sitzt mit Viktor am Frühstückstisch. Gleich an ihrem ersten Morgen wartete er nach seiner freundlichen Begrüßung auf einen weiteren Blick von ihr, um sofortige Gesprächsbereitschaft zu zeigen: „Möchte sie eine Tee?“. Mittlerweile weiß sie über Viktor wahrscheinlich mehr als über sich selbst. Er sei Mitte der neunziger vom Balkan nach Deutschland gekommen. Er ist handwerklich ziemlich geschickt und hat sich vom Fliesenleger zum privaten Gärtner eines Fabrikanten hochgearbeitet. Im Sommer kümmert er sich auch um dessen Finca auf Mallorca. Er hat Schuppenflechte und Rücken und fährt deswegen immer wieder ins Sanatorium an die Nordsee. Sobald er über das Handy wischt, will er ihr sein Haus und seine Terrasse zeigen …

…materielle Zeugnisse eines hart erarbeiteten und für ihn nicht selbstverständlichen Wohlstands. S.15

An einem Morgen wird Nelli zu ihnen an den Tisch gesetzt. Sie ist vielleicht Anfang zwanzig, redet schnell und viel, so, als sitze ihr die Zeit im Nacken. Sie isst Roggenbrötchen, weil ihr Weizen verboten wurde und die Marmelade, das braucht sie einfach, Kirsch ist ihr die liebste. Ihre Hände mit den perlmuttfarben lackierten Fingernägeln schweifen weit aus. Sie leide an Schuppenflechte, Morbus Crohn, Rheuma und Asthma. Warum Eva hier sei, will Nelli wissen. „Neurodermitis“. Ach ja, das habe Nelli auch, nur vergessen, es zu erwähnen. 

Fazit: Silke Knäpper hat in ihrem vierten Roman ein intensives Psychogramm über mehrere Menschen an einem Kurort erzählt. Die introvertierte Protagonistin beobachtet ihre Mitpatient*innen und nähert sich auf diese Weise sich selbst und ihren eigenen Problemen an. Da ist Andre, der sich beruflich verpflichtet hat, sein Land zu verteidigen. Er ist in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters gestiegen und stolz darauf. Zuhause warten Frau und Kind auf ihn, aber warum kann er das Mausen nicht lassen? Nelli, eine junge Frau, gerade der Jugend entwachsen und schon frustriert und gesundheitlich gebeutelt. Ihr Wunsch nach Aufmerksamkeit erschwert ihr den Zugang zu ihren Mitmenschen. Nadine ist Anfang dreißig und fast ganzkörpertätowiert. Dennoch wirkt sie zerbrechlich und erleidet tatsächlich regelmäßige Zusammenbrüche. Nadine hat Dinge erlebt, die jeden fühlenden Menschen aus der Normalität geschlagen hätten. Die Autorin ist eine extrem gute Beobachterin. Hier vermittelt Körpersprache und Gesagtes ein sehr genaues Bild von dem Menschen über den die Protagonistin gerade nachdenkt. Was mir richtig gut gefällt ist, dass keine Wertung stattfindet. Ich erfahre den Ist-Zustand der Leute wie eine Wasserstandsmeldung und kann mich ganz leicht darauf einlassen. Hier lautet der Tenor, dass wir alle unsere Gründe haben, so zu sein, das Ergebnis aus unseren Erfahrungen und Kompensationsversuchen sind. Und im Grunde sind wir alle versehrt. Dieses 130 Seiten Büchlein steckt voller emotionaler Wärme und Mitgefühl. Und ich hätte mir gerne noch viel mehr Menschen von Silke Knäpper vorstellen lassen. 

Die Autorin: Silke Knäpper wurde 1967 in Ulm geboren, studierte Romanistik, Germanistik und Anglistik in Wien, Freiburg und Köln. Nach Lehrtätigkeiten in Saint-Cloud bei Paris und in London kehrte sie 2001 wieder in ihre Heimatstadt zurück. Ausgezeichnet beim Irseer Pegasus. Bei Klöpfer & Meyer erschienen bisher die viel beachteten Romane ‚Im November blüht kein Raps‘ (2012), ‚Hofkind‘ (2016) und ‚Das Lieben der Anderen‘ (2018). Silke Knäpper ist Mitglied im PEN Deutschland, in der Meersburger Autorenrunde und im Literarischen Forum Oberschwaben.

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