Rezensionen Zähe Hunde

Zähe Hunde von Falun Ellie Koos

Autorin: Falun Ellie Koos, Genre: Familienfiktion, Verlag: Aufbau Verlage, ISBN: 978-3-351-04277-6, 1. deutschsprachige Auflage 04/2026, 306 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Debütroman

Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann

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Eine der aufregendsten neuen Stimmen der niederländischen Literatur. Ada und ihr Bruder Broos wachsen im Wohnmobil ihres Vaters auf, eines verbitterten Gärtners, der bei den Kindern gerade rücken will, was die Mutter bei der Erziehung verbockt hat. Er will sie etwa ‚unertrinkbar‘ machen, indem er sie bis zur Erschöpfung wettschwimmen lässt. Das hat sich als Lebenslektion tief in Ada eingegraben, ebenso wie die obsessive Arbeitsmoral ihres Vaters. Aber Ada entfernt sich von ihrem Umfeld und beginnt ein Kunststudium, bald zieht sie sich jedoch davon desillusioniert in eine Hütte im Wald in Galizien zurück. Dort in der rauen Natur beginnt ihre Vergangenheit sie einzuholen. Falun Ellie Koos schleudert all den Schmerz und das Elend erst mit Präzision gegen die Wand, um es dann mit Liebe und Mitgefühl wieder aufzulesen. Nominiert für die Shortlist des niederländischen Libris-Literaturpreis. ‚Die Spannung ist in fast jedem Satz spürbar, in diesem verletzlichen und zugleich kraftvollen Romandebüt.‘  Het Parool, Beste Bücher des Jahres 2024 ‚Wunderschön geschriebene Szenen. […] Verschlägt einem den Atem.‘ Limburgs Dagblad ‚[Zähe Hunde] ist bei weitem das beste Debüt, das ich derzeit lese. Roh, schnell, scharf, hautnah: Kompliment an Falun Ellie Koos.‘ Stijn de Vries, Vogue (Klappentext)

„Sie hat nicht geheult“ scheint der Hauptteil ihrer Entstehungsgeschichte, das, was sie ausmacht, keine Heulsuse zu sein. Es waren die Worte ihres Vaters, nachdem sie geboren wurde. Weder heulte sie, noch kackte sie der Mutter in den Schoß. Ihr Bruder hingegen hatte zwei Jahre später geschrien wie ein Ferkel, das langsam durch den Fleischwolf gedreht wird. Ihre Eltern waren schon mit zwanzig kaputt gearbeitet, als Ada auf die Welt kam. Und damit sie keine verzogene Göre wurde, machten sie noch ein Kind, den mageren Broos. 

Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, holte ihr Vater Ada und Broos jeden Freitag mit dem Lkw ab und fuhr sie zum Trailerpark, wo sein Wohnwagen stand. Ada erinnert sich an die staubige Enge, wenn sie zu dritt auf der Matratze im hinteren Teil des Wagens schliefen, immer Broos zwischen Ada und ihrem Vater. 

Ada ist erwachsen und macht was mit Kunst, eigentlich Holzschnitzarbeiten. Sie hatte sich eingeschrieben, weil Frédérike ihr dazu geraten hatte. Frédérike lernte sie in der Fleischfabrik kennen, in der Ada arbeitete, seit sie neunzehn war. Frédérike hielt es genau zwei Stunden aus bei vier Grad Celsius, dann ging sie einfach und nahm Adas Telefonnummer mit. Nach Adas erster Ausstellung hat ihr Vater sie in die Verbannung geschickt. Sie wäre ihm in den Rücken gefallen, seitdem lebt sie bei Frédérike. Von ihr hat sie die Adresse in Galizien „In the middle of fucking nowhere“, wo Ada seit zwei Wochen ist. Hier lebt ein maulfauler Spanier mit seinen beiden Hündinnen, ein paar Schafen und drei Hühnern in einer verfallenen Hütte ohne Strom mit Plumpsklo. Sie fällen von morgens bis abends Bäume und sammeln Holz.

Fazit: Falun Ellie Koos, Schriftstellerin und Filmemacherin, hat in ihrem mehrfach nominierten Debüt eine etwas andere Familie erzählt. Ihre Icherzählende Protagonistin lebt mit ihrem Bruder bei der Mutter. Der Vater holt die Kinder jedes Wochenende. Er ist ein zäher Hund, der Gefühlsduseleien verachtet und seine Kinder ebenso stählen will, wie er einst gehärtet wurde. Sein Erziehungsstil beginnt früh und ist gnadenlos. Die beiden traumatisierten Kinder suchen als junge Menschen ihre Einzelteile, um sich neu zusammenzusetzen, aber Adas Bruder scheitert kläglich. In der Einsamkeit in Galizien erlebt Ada mit größerer Distanz etwas Ähnliches wie bei ihrem Vater, doch jetzt kann sie das besser einordnen und aktiv werden. Falun Ellie Koos hat mir mein Herz aus der Brust gerissen, vor die Wand geschleudert und versucht mich wiederzubeleben. Zwischendurch hätte ich schreien und das Buch in den Mülleimer werfen mögen, so wütend haben mich einige Szenen gemacht. Und das liegt nicht an der besonderen Brutalität der Szenen, sondern daran, dass sie die Gabe hat, dass dumme Gegebenheiten sich ohne Vorbereitung zu Horror entwickeln. Dieses Buch hat eine Gefühlskaskade in mir losgetreten, wie ich es selten erlebe. Ekel, Wut, Hass, Erschrecken, Trauer und Mitgefühl. Die Charaktere sind alle extrem gut gezeichnet, ebenso wie die Umstände. Der letzte Absatz hat mir gezeigt, was ich für eine Heulsuse bin und ich bin froh, dass ich meine Gefühle rauslassen kann. Um nicht zu spoilern, das hier ist kein Leid-Porn, keine Geschichte, die mit aller Gewalt an mein Mitgefühl appelliert. Hier geht es um innere Kämpfe, um die fast verzweifelte Suche nach Identität und um Resilienz. 

Die Autorin: Falun Ellie Koos, geboren 1992, ist Schriftsteller und Filmemacher. Koos‘ Debütroman „Zähe Hunde“ wurde für eine Vielzahl an Preisen nominiert, u.a. für die Shortlist des wichtigen Libris-Literaturpreises, und von der Zeitung Het Parool zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Koos gewann 2022 den Joost-Zwagerman-Essaypreis und erhielt 2023 ein Cronestipendium für vielversprechende Autor:innen der Stadt Utrecht.

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