Wilde Häuser von Colin Barrett
Autor: Colin Barrett, Genre: Literarische Kriminalfiktion, Verlag: Steidl, ISBN: 978-3-96999-493-1, 1. deutschsprachige Auflage 12/2025, 256 Seiten, Preis Hardcover €25,00
Mehrfach ausgezeichneter Autor. „10 Best New Novelists of the Year“ The Observer
Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
Es ist das wichtigste Wochenende des Jahres. Während sich Ballina im Westen Irlands auf ein großes Fest vorbereitet, verschwindet Doll English nach einem Streit mit seiner Freundin Nicky spurlos von einer Party. Sketch und Gabe Ferdia, Kleinstadt-Gauner mit einem Hang zu roher Gewalt, haben den Jugendlichen entführt. Dessen älterer Bruder, der örtliche Dealer Cillian hat seine Schulden nicht bezahlt. Ihr Cousin Dev scheint den Ferdias der ideale Gastgeber für die Geiselnahme zu sein, denn der sanftmütige Riese führt in ländlicher Abgeschiedenheit ein Leben unter dem Radar. Dev wird zum unfreiwilligen Komplizen, doch ausgerechnet er, die personifizierte Untätigkeit, ist Dolls beste Chance zu überleben. Auch Nicky wird in den Rachefeldzug hineingezogen. Verkatert und voller dunkler Vorahnungen macht sie sich auf die Suche nach ihrem Freund. Wie Dev muss sie, um Doll zu retten, eine Entscheidung treffen. Wilde Häuser ist ein Roman, ’so beißend, witzig und bittersüß wie das Leben‘, so die Jury des Booker-Preises. Die fiesen Ferdias, der rücksichtslose Cillian, Doll, Dev und Nicky – es ist Colin Barretts große Kunst, Charaktere zu erfinden, die den Leserinnen und Lesern trotz all ihrer Schwächen ans Herz wachsen. (Klappentext)
Dev liegt auf dem Sofa, die Kopfhörer auf den Ohren. Schräg gegenüber im Sessel, den früher seine Mutter für sich beanspruchte, die Promenadenmischung Georgie. Ein in die Jahre gekommener räudiger Köter mit schlechter Laune, fettem Überbiss und immerzu flehentlichem Blick. Georgie hat seiner verstorbenen Mutter gehört und war nie Devs Freund. Da er jedoch akzeptiert, dass Dev nun das Sagen hat und Herr über das Dosenfutter ist, führt er Devs Befehle aus, sofern sie energisch genug herausgebellt kommen.
Schluss jetzt!, dämmt Dev Georgies Gekläffe ein. Die Scheinwerferlichter eines Autos gleiten über die Wohnzimmerwände. Dev steht auf und schiebt die Vorhänge zur Seite. Er erkennt den Wagen seines Cousins Gabe Ferida. Er hält an, steigt aus, gefolgt von seinem Bruder Sketch. Sie zerren einen Jugendlichen von der Rückbank und scheuchen ihn zur Hintertür. Dev öffnet und sieht in ein blasses Gesicht.
Sketch ist zwei Jahre älter als Dev. Seine trainierten Oberarme sind übersät mit Tätowierungen. Sein Kinn ist kantig, die blauen Augen leuchten launisch. Wenn ihm danach ist, zieht er Schwachköpfen eins über. Gabe ist vierzig, sieht aber zehn Jahre älter aus. Er besteht aus Haut und Knochen. Sein langes vernarbtes Gesicht rahmt die tief in den Höhlen liegenden Augen ein. Zehn Jahre Heroin hatten ihm übel mitgespielt. Gar nicht einfach in der tiefsten Provinz Irlands so draufzukommen. Sie arbeiten für einen Typen namens Mulrooney. Kommen immer mal wieder bei Dev reingeschneit und bringen Pakete, die Dev dann wahlweise im Keller oder der Scheune unterbringt, bis sie wieder abgeholt werden. Dev bekommt dafür ein bisschen Geld. Jetzt sitzt der Junge in seiner Küche, weil sein Bruder die Feridas abgezockt hat. Dreizehn Riesen schuldet er Mulrooney und Sketch und Gabe werden sie eintreiben, egal wie.
Fazit: Colin Barrett, mehrfach ausgezeichneter Autor, hat das Porträt dreier Kleinstadtganoven gezeichnet. Die Feridabrüder verticken Drogen, der behäbige Cousin Dev bietet sein Haus als Lager an. Eigentlich will Dev, der keine sozialen Kontakte hat, nur seine Ruhe. Doch dann schleppen sie ihm eine Geisel ins Haus, um von dessen Bruder zu erpressen, was ihnen zusteht. Die Mutter der Geisel setzt seinen Bruder unter Druck, der das Dilemma zu verantworten hat. Ich erfahre Devs Hintergründe und warum er unter Panikattacken leidet. Im Laufe der Geschichte nimmt die Geisel Einfluss auf den konfliktscheuen Dev und rettet damit ihr Leben. Der Autor hat die Gabe, szenisch zu schreiben, was die Geschichte atmosphärisch und dicht macht. Manchmal wurden mir die detaillierten Umgebungsbeschreibungen etwas viel, dennoch liest sich das Buch, als würde man einen Film schauen. Das war gute Unterhaltung und für alle Krimifans, die einen besonderen Schreibstil mögen genau das richtige Buch. Nicht zu vergessen, das Cover, die gesamte Umschlaggestaltung ist, wie bei allen gebundenen Steidl Büchern wieder ein besonderes Zusatzbonbon.
Der Autor: Colin Barrett, 1982 in Kanada geboren, wuchs in der irischen Grafschaft Mayo auf. Er arbeitete zunächst für eine Mobilfunkfirma in Dublin, studierte dann bis 2009 Creative Writing am University College Dublin. Seine Erzählungen wurden in The Stinging Fly, Granta, Harper’s und im New Yorker veröffentlicht. Barretts Debüt Junge Wölfe (‚Young Skins‘) wurde mit dem Guardian First Book Award, dem Frank O’Connor International Short Story Award und dem Rooney Prize for Irish Literature ausgezeichnet. Bei Steidl erschien zuletzt der Erzählband Heimweh (2022). Colin Barrett lebt in Kanada.