Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien
Autorin: Lilli Tollkien, Genre: Autofiktionale Erzählung, Verlag: Aufbauverlage, ISBN: 978-3-351-04284-4, 1. Auflage 03/2026, 258 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Debütroman
Eine Kindheit und Jugend im Ausnahmezustand und ein Mädchen, das zur Heldin der eigenen Geschichte wird. Lale wächst in den 80ern in einer Berliner Männer-Kommune auf, in der Partys gefeiert und Revolutionen geplant werden. Sie darf wach bleiben, solange sie will, Süßigkeiten essen und ewig fernsehen. Doch sie sehnt sich nach Geborgenheit und Verlässlichkeit, während ihre eigenen Grenzen immer wieder übertreten werden. Auf dem schmalen Grat zwischen Freiheit und Vernachlässigung sucht Lale ihren Weg, taumelt an den Rändern und findet Jahre später Halt im Erzählen selbst. Authentisch, verletzlich, von poetischer Spannkraft. ‚Lilli Tollkien schreibt mit einer Wucht, die man kaum erträgt – und gerade deshalb lesen muss.‘ Mareike Fallwickl ‚Nach der ersten Seite war ich erschüttert, nach dem ersten Kapitel gefesselt. Ein Roman von unwahrscheinlicher Gravitation, ein seltenes Juwel.‘ Edgar Rai (Klappentext)
Der Mutterbauch ist ihr Resonanzraum. Lale spürt die Vibrationen, wenn die Mutter spricht. Sie schwappt im Fruchtwasser, wenn die Mutter sich erhebt und ein paar Schritte geht. Schreit die Mutter den Vater an, erhöht sich die Frequenz, gesteht sie ihm ihre Liebe, sinkt sie. Vater und Mutter sind mit dem Mutterbauch nach Spanien gefahren, damit die Mutter einen Entzug machen kann. Zuerst macht die Abstinenz Lale unruhig, aber dann wird sie wieder von Heroin geflutet, weil die Mutter es nicht geschafft hat. Oma Lore redet ihr ins Gewissen, dass sie es nicht wieder vermasseln soll, sie wird kein zweites Enkelkind großziehen. Nach zweiunddreißig Wochen liegt Lale im Inkubator. Die Ärzte stabilisieren ihre Atmung und versuchen das Zittern zu kontrollieren. Lale schreit so schrill, wie es Heroinfrühchen nun mal tun.
Eineinhalb Jahre später sitzt die Mutter, mit dem Rücken zur Wand auf der Matratze. Zwischen den Zähnen das eine Ende des Stauschlauchs, in der linken das andere. Sie klopft auf die Vene, schiebt die Kanüle hinein und drückt ab. Normalerweise weiß sie, wieviel sie nimmt, damit sie Lale noch versorgen kann, aber diesmal ist der Stoff etwas reiner und sie driftet länger weg. Lale klettert neben die Mutter und greift zwischen Matratze und Wand. Sie fingert ein Tütchen mit weißen Bonbons hervor. Als die Mutter aus ihrem Nebel zurückkehrt, liegt Lale krampfend auf den ochsenblutfarbenen Holzdielen, die Zunge schlägt den Speichel zu Schaum, der sich rot färbt. Der Notarzt fährt Lale ins Krankenhaus, der Arzt stabilisiert sie und gibt sie in die Obhut des Jugendamts.
Fazit: Lilli Tollkien hat in ihrem autofiktionalen Debüt eine Kindheit verhandelt, um die sie niemand beneiden wird. Nachdem Lale mehrfach gerettet werden musste, entzieht man der Mutter das Sorgerecht. Obwohl es ihn gibt, hat die Mutter keinen Vater angegeben. Allerdings sitzt der eh gerade in Haft, weil er mit Spielzeugpistole vor einer Bankangestellten rumgefuchtelt hat. Ein Freund Lales Vaters holt sie ein Jahr nach ihrer Rohypnolvergiftung, aus dem Pflegeheim, direkt in die Männer-WG und kassiert das Geld vom Amt. Die Zustände sind katastrophal. Vier Männer, die am Leben scheitern und sich selbst idealisieren, gehen auf einen Trip nach Nicaragua, wo Lale ihre erste Grenzüberschreitung erlebt. Erst als sie eingeschult wird, erlebt sie Stabilität und Ordnung, die sie mit guten Noten quittiert. Als Jugendliche merkt sie, dass es kein innen und außen gibt. Lale kennt keine Grenzen, kann keine setzen und die anderer nicht erkennen. Auf der Suche nach Identität beginnt sie zu rebellieren und schließt sich Leuten an, die sie bewundern kann. Für mich ist Lales Geschichte ein regelrechter Aha-Moment, weil es viele Parallelen zwischen unseren Leben gibt, nichtsdestotrotz ist sie herzzerreißend. Lilli Tollkien schreibt im Präsens und erzeugt damit eine Intimität und Tiefe, die berührt. Die Geschichte trägt null auf, braucht keinen Pathos. Die lakonische Erzählweise ist dem Ganzen eher zuträglich und lässt Raum für eigene Emotionen. Meine Riesenempfehlung für dieses Buch.
Die Autorin: Lilli Tollkien, 1980 in Berlin geboren, begann verschiedene Ausbildungen und studierte unter anderem Regie und Musiktherapie in Berlin und Heidelberg. Sie arbeitete in sehr unterschiedlichen Berufen, etwa als Suchtberaterin in der JVA, als Jobcoach und Ausstatterin. Neben ihrem heutigen Beruf fotografiert sie und hat in Anthologien veröffentlicht. Sie lebt mit ihren Kindern in Leipzig. „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ihr erster Roman.