Rezensionen Sie wollen uns erzählen

Sie wollen uns erzählen von Birgit Birnbacher

Autorin: Birgit Birnbacher, Genre: Familienfiktion, Verlag: Zsolnay (Hanser), ISBN: 978-3-552-07521-4, 1. Auflage 03/2026, 222 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Mehrfach ausgezeichnete Autorin

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Nach ‚Wovon wir leben‘ erzählt Bachmannpreisträgerin Birgit Birnbacher in ihrem neuen Roman sensibel und literarisch vom Umgang mit Neurodivergenz
Oz ist anders, er hat ADHS und tut sich schwer in der Schule, aber diesmal ist ihm etwas wirklich Blödes passiert. Auf dem Heimweg wünscht er sich deshalb zumindest eine kleine Katastrophe, die seine Mutter von dem Brief der Lehrerin, den er ihr geben muss, ablenken würde. Als Oz nach Hause kommt, ist Ann – auch sie ausgestattet mit einem flirrenden Nervenkostüm – nicht wie vermutet in Zeugnis-Feierlaune, sondern es ist tatsächlich etwas passiert. Die Zilly-Oma, die in den Bergen lebt, ist weg … Intensiv, humorvoll und mit großer Empathie erzählt Birgit Birnbacher von der Liebe einer Mutter, die mit sich und gegen andere kämpft, um ihr Kind gegen die Zuschreibungen von außen zu verteidigen – und sei es letztlich mit dem Erzählen selbst. Ein Roman über die Chancen, die der Wildwuchs im Denken eröffnet. Haben die, die sich nicht anpassen können, unserer überreizten Natur und Umwelt womöglich tatsächlich etwas entgegenzusetzen?
‚Birgit Birnbacher beherrscht sie noch, diese älteste und edelste Kunst: das lebendige Erzählen als seelenrettende Maßnahme.‘ Clemens J. Setz (Klappentext)

Oz wird seiner Mama etwas beichten müssen, der Brief seiner Lehrerin in der Tasche muss unterschrieben werden. Oz überlegt, wie er am Gescheitesten anfängt, denn der Geduldsfaden seiner Mama ist kurz. Es geht um die Hasen und um Fahids Rohkost. Fahid muss Gemüse essen, weil er zu dick ist, aber er mag kein Gemüse und weiß, dass die Hasen es mögen. Donnerstags dürfen sie in kleinen Gruppen zu den Nagern, die genaugenommen Nagerinnen sind, Hildi und Flöte.

Carina, Ozzys Klassenlehrerin, die gleichzeitig Hasenbeauftragte ist, hat ihnen eingebläut, wie klein die Hasenherzen sind und dass sie bei zu vielen Kindern zu schnell schlagen würden und dass sich das für Hasen sehr schlimm anfühle, also donnerstags. Jetzt bekommt Fahid aber jeden Tag Gemüse in seine Brotdose und deshalb schleichen sie in der Pause am eingezäunten Sportplatz vorbei und besuchen Hildi und Flöte, so wie an diesem Tag. Als sie vor dem Stall stehen und Hildi beim Knabbern zusehen, schmeißt HL den Rasenmäher an und lässt ihn gleich darauf absaufen. HL mag keine Hasen und keine Kinder, aber damit wird er seine Mama langweilen, deswegen lässt er das besser weg, obwohl es wichtig ist. Sie hat im Streit mit seinem Papa mal gesagt, er soll sich seine Scheißmedikamente sonst wohin stecken und dann ein Antiimpulsivtraining gemacht, aber die Zornesfalte zwischen den Augen verrät, wenn sie gleich schreien wird. Dann zischt Fahid „der kommt!“ und tatsächlich, kurz bevor er bei ihnen ist flüstert Arvo „mach den Stall zu Oz“ und sie schlagen sich in die Büsche. Dort, wo sie jetzt vornübergebeugt verschnaufen, können sie nicht alles sehen. HL geht zurück zum Mäher, zieht an der Schnur, zieht immer wilder an der Schnur, weil der Mäher alt und HLs Geduld gering ist und dann rattert er los und in dem Moment ruft Luca „Schaut mal Flöte“. Sie sehen, wie Flöte im Zickzack rumrennt und dann auf den Rasenmäher zu und unter den Mäher drunter. Oz schlägt die Hände vors Gesicht, Arvo und Fahid halten sich den Mund zu und Luca ist wie erstarrt und kann sich gar nicht rühren.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete, österreichische Autorin Birgit Birnbacher hat das Bild eines neurodivergenten Jungen mit ADHS gezeichnet und das ist ihr richtig gut gelungen. Oz muss sich in der dritten Klasse fürs Gymnasium qualizieren, dann passiert das Unglück mit Flöte und Oz wird stigmatisiert. Danach soll er von allen Seiten beleuchtet werden, die Schule wünscht eine Diagnose. Währenddessen arbeiten sich seine Mutter und sein Vater aneinander ab und dann verschwindet die Oma Zäzilia aus dem Krankenhaus und räumt Oz eine Geständnispause ein. Gut gefallen hat mir der Humor. Viele Stellen sind wirklich komisch und amüsant erzählt. Oz gedankliche ADHS-Ausschweifungen sind so gut gezeigt. Während sich Oz Diagnose immer weiter herausschält, merkt die Mutter, dass sie ähnlich tickt, aber auch, wie das Leben und ihre Ehe sie verändert haben, wie gehässig und missgünstig sie geworden ist. Auf den letzten Metern hat die Autorin mich leider verloren, so absurd entwickelt sich das Ganze. Dennoch hat sie mich richtig gut unterhalten. Ich mochte auch den Roman „Ich an meiner Seite“ sehr, der für den Deutschen Buchpreis 2020 nominiert war. Für alle, die ADHS besser verstehen möchten.

Die Autorin: Birgit Birnbacher, geboren 1985, lebt als Schriftstellerin in Salzburg. Ihr Debütroman ‚Wir ohne Wal‘ (2016) wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt sie zahlreiche Preise und 2019 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Bei Zsolnay erschienen zuletzt die Romane ‚Ich an meiner Seite‘ (2020), ‚Wovon wir leben‘ (2023) und ‚Sie wollen uns erzählen‘ (2026).

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