Rezensionen Verlorene Schäfchen

Verlorene Schäfchen von Madeline Cash

Autorin: Madeline Cash, Genre: Gesellschaftssatire, Verlag: Penguin, ISBN: 978-3-328-60451-8, 1. deutschsprachige Auflage 05/2026, 318 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Debütroman

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‚Was für ein Feuerwerk aus Witz, Intelligenz und Energie! Ich hätte ewig weiterlesen und die Familie Flynn auf ihren herrlich abgründigen Wegen begleiten können.‘ Elena Fischer
Eigentlich könnte die Familie Flynn eine Vorbild-Vorstadt-Familie sein: Mutter, Vater und drei Töchter, sonntags geht man in die Kirche. Eigentlich. Denn die Flynns haben es schwer. Jeder für sich und alle miteinander. Seit Mutter Catherine in einer Sinnkrise beschlossen hat, die Ehe zu öffnen, lebt Vater Bud im Auto in der Garage und findet in der Selbsthilfegruppe Zuflucht, die am wenigsten nach Sekte klingt: die Verlorenen Schäfchen. Auch die Töchter suchen ihre Wege aus der familiären Lebenskrise: Die jüngste, Harper, ist sich sicher, dass sie einer großen Verschwörung auf der Spur ist. Louise befindet sich in einem ungünstigen Beziehungsstrudel mit ihrem fundamentalistischen Online-Lover, während die dritte im Bunde, Abigail, einen schweigsamen jungen Mann namens Kriegsverbrecher-Wes datet. Und all diese Fäden laufen ausgerechnet bei einem zwielichtigen Milliardär zusammen. Mit hinreißender Lakonie erzählt Madeline Cash von einer Familie kurz vor dem Kollaps in den Turbulenzen unserer durchmodernisierten Welt. ‚Verlorene Schäfchen‘ ist der Familienroman der Stunde. ‚Der Roman brilliert durch seinen Hang zur absurden Komik und Sätze, bei denen einem das Lachen im Halse steckenbleibt.‘ Lesart, Deutschlandfunk Kultur (Klappentext)

Father Andrew versucht der unendlichen Mückenpopulation in seiner Kirche Herr zu werden. Schuld ist Miss Winkle. Sie kommt seit einer Weile mit ihrer geistig behinderten Tochter zu den Andachten. Miss Winkle arbeitet in einer Gärtnerei und folgte ihrer Idee, das Gotteshaus etwas freundlicher zu gestalten. Nun ziert eine Monstera das Eingangsportal. Diese Pflanze steht ganz oben auf der Liste der Gründe, warum Father Andrew Miss Winkle nicht mag. Darüber hinaus hat sie noch keinen Cent gespendet. Dann diese Marotte ständig „Sag ich doch“ zu sagen, dabei hatte er sie jemals, weder etwas Geistreiches, noch Interessantes sagen hören.

Als Bud Flynn an die Sakristeitüre klopfte und Father Andrew um ein Herein bat, machte Bud einen unaufgeräumten Eindruck. „Setzen sie sich Bud“. Mr. Flynn fragte für einen Freund, wie hoch die Chancen seien, nach einem Suizid in der Hölle zu landen. Der Herr schenke und nehme das Leben, da dürfe ihm niemand reinquatschen, das sei Blasphemie, sagte Father Andrew, ob er das seinem Freund ausrichten könne?

Wenige Wochen später saß Harper Flynn, die jüngste der drei Schwestern auf dem gleichen Stuhl. Die Zwölfjährige wollte beichten. Sie lüge konsequent. „Wann kommt ihr denn mal wieder zur Messe, wenn die Zeiten dunkel sind, sind die Fehlleitungen am größten“. Sie seien reformiert. Sie habe aus Mr. Friedmans Apotheke Trizoletin geklaut und in der Schule verkauft. „Die Wege des Herrn sind unergründlich“. Manchmal lege sie hinter dem Waschsalon Feuer. „Ich bin nicht in der Position dir Absolution zu erteilen“. Sie habe sich mit einer Lupe die Handflächen verbrannt, um Stigmata vorzutäuschen. Father Andrew mag die Flynns.

Fazit: Madeline Cash hat mit ihrem Debüt einen Kracher hingelegt. Catherin und Bud sind seit der Highschool zusammen. Sie haben drei Töchter. Catherine öffnet ihre Ehe und fortan nächtigt Bud im Auto in der Garage. Die erste Verzweiflung schenkt ihm suizidale Ideen, gefolgt von Gleichgültigkeit. Die Töchter stürzen sich, weitestgehend unbeachtet durch elterlichem Argwohn, in ihr eigenes Unglück. Die Jüngste, Louise chattet mit einem Fundamentalisten, der sie zu einer größeren Straftat motiviert. Die Mittlere, Harper begegnet ihrer jugendlichen Tristesse mit provokanten Delikten und deckt in detektivischer Kleinstarbeit die Fisimatenten des Tech-Milliardärs und Arbeitgebers ihres Vaters auf. Und die Älteste verliebt sich in einen maulfaulen jungen Mann namens „Kriegsverbrecher-Wes“. In dieser ungeheuer lustigen, vor Situationskomik schreienden Geschichte geht es um die Doppelmoral der Katholiken, die feuchten Silikon-Valley-Träume alter reicher Männer, um die möglichen Vorteile polyamouröser Beziehungen (Selbstfindung und so) und um die Liebes- und Toleranzfähigkeit einer ziemlich durchgeknallten Familie. Das ganze, wirklich intelligent unterhaltsame Treiben, wird von einem allwissenden Erzähler vermittelt. Leute, wie schade, dass das Buch zu Ende ist. Sollte daraus eine Netflixserie entstehen, bin ich sofort dabei. Unbedingt lesen und genießen.

Die Autorin: Madeline Cash hat das Online-Magazin Forever Mag mitgegründet und den Kurzgeschichtenband ‚Earth Angel‘ veröffentlicht. ‚Verlorene Schäfchen‘ ist ihr vielbeachteter Debütroman, der in den USA und Großbritannien von Kritiker*innen wie Leser*innen gefeiert wurde und in der ersten Woche seines Erscheinens direkt auf der Sunday Times Bestseller- und SPIEGEL Bestseller-Liste stand. Cash lebt derzeit in London.

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