Rezensionen Laute Nächte

Laute Nächte von Anne Freytag

Autorin: Anne Freytag, Genre: Zeitgenössische Romantik, Verlag: Kampa, ISBN: 978-3-311-10166-6, 1. Auflage 04/2026, 320 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Mehrfach ausgezeichnete Autorin

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Eine Klingel mit vier Namen: Paul hat das Tennisspielen aufgegeben und nichts Neues angefangen. Elif redet dauernd, fragt, nervt, lacht, als würde sie einen schon ewig kennen. Julia ist so leise, dass man nicht weiß, ob sie zu Hause ist. Und Kenni? Er weiß selbst nicht, was er in Wien will. Er musste einfach weg. Von den Leuten, die in ihm den Typen sehen, der er war, bevor er der wurde, dessen Freundin bei einem Autounfall gestorben ist. Ihre letzte Reise, ohne ihn. Obwohl sie doch einen Sommer lang Frankreich entdecken wollten. Wider Erwarten wird die WG für Kenni zur neuen Heimat. Das Leben geht einfach weiter. Auch die geplante Reise findet statt – mit Elif auf dem Beifahrersitz, was keine gute Idee ist. Zehn Jahre später, Kenni steht am Anfang seiner Karriere als Maler, treffen die vier sich in Zürich wieder. Es wird eine lange, laute Nacht, die lauter Fragen aufwirft. Erst zurück in Wien, aus Kenni ist inzwischen ein renommierter Künstler in den Vierzigern geworden, beginnt mit einem kurzen Gespräch ein Nachmittag, ein Abend, ein Anfang … (Klappentext)

Kenni hat Paul über eine Annonce gefunden und mit ihm das WG-Zimmer in Wien. Warum Wien weiß er eigentlich nicht, es hätte jede Stadt sein können außer München, wo ihn alles an sie erinnert. Denn sie ist tot und er erträgt es nicht. 

Pauls Wohnung ist über zweihundert Quadratmeter groß und abgefahren schön. Große helle Räume mit Stuck an den Decken, Fischgrätparkett. Im Gäste-WC blutrote Wände, Jugendstilkerzenhalter neben golden gerahmten Spiegel. Im Wohnzimmer ein riesiges Sofa in L-Form, das die Bezeichnung Landschaft verdient. Ein großer Kachelofen mit Löwenköpfen an den Seiten, Flachbildschirm auf Plexiglas. In der Küche trifft altes Holz auf Edelstahl. Neben seinem Zimmer wohnt Elif, sie ist auch gerade erst eingezogen. Am Ende des Flurs lebt Julia, sie hat das kleinste Zimmer wegen der Kosten und so. Paul hat zwei Zimmer, getrennt durch eine Flügeltür. Kenni dachte, die Wohnung gehört Pauls Eltern, aber er hat sie selbst gekauft. Hat Tennis gespielt und muss ne größere Nummer gewesen sein, jetzt hat er Depressionen. Elif bringt oft etwas zu Essen mit, die Reste aus dem Imbiss ihres Vaters, Köfte, Kebab und Eyran. Manchmal macht sie ihnen sonntags Frühstück, haut Paprika, Tomaten und Eier mit viel Zwiebeln und Knoblauch in die Pfanne. Und sie redet viel, was ihr so durch den Kopf geht oder an ihr drückt und manchmal läuft sie im Spitzen-BH und Tanga durch den Flur. Ohne Elif wären Paul und Kenni nichts als zwei depressive Männer. 

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat wieder ihr psychologisches Kaleidoskop ausgepackt und mich an Stellen berührt, die ich in meinem Alltag so nicht spüre. Ihr Ich-erzählender Protagonist spricht im Präsens zu mir und ich erfahre, dass er seine Freundin durch einen Autounfall verloren hat. Er hält München, ihre gemeinsamen Freunde und Vater und Bruder nicht aus und zieht nach Wien. In Pauls WG passiert, was nicht sein darf. Er verliebt sich in die lebhafte Elif, die selbst mitten in einer toxischen Beziehung steckt und stürzt in einen Loyalitätskonflikt. Schon bei dem Gedanken an Elif glaubt er seine verstorbene Freundin zu betrügen. Die Autorin hat alle Facetten der Trauer/des Verlusts virtuos bespielt und real aufgearbeitet. Der eigentliche Konflikt, der Geschichten so interessant macht, steckt in Kenni selbst. Es gibt so wohltuende, heilsame Situationen, zum Beispiel zwischen Kenni und Paul, dass mir das Herz überfließt und so treffende Gedanken, dass ich genaustens nachvollziehen kann, wie Kenni fühlt. Auch Kennis Trauerambivalenz: Sie war das beste, was ihm je passiert ist, aber sie konnte auch richtig mies sein, ist so gut eingefangen. Diese Geschichte muss der Autorin einiges abverlangt haben und ich bin froh, dass sie sie durchgezogen hat. Wieder ist ein intensives Psychogramm entstanden, das ich wärmstens empfehle.

Ebenfalls richtig gut gefallen hat mir ihr Buch „Blaues Wunder“.

Die Autorin: Anne Freytag hat International Management studiert, ist pünktlich zur Wirtschaftskrise fertig geworden, hat über einhundert Bewerbungen geschrieben, keinen Job gefunden, eine Weile in einer Boutique gearbeitet, sich arbeitslos gemeldet, zur Grafikdesignerin umgeschult, sich als Quereinsteigerin mit mieser Bezahlung in diversen Agenturen anstellen lassen und ist dann endlich ihrem Traum nachgegangen: Seit 2013 widmet sie sich ganz dem Schreiben. Für ihre Jugendbücher wurde sie mehrfach für Literaturpreise nominiert (u.a. zwei Mal in Folge für den Deutschen Jugendliteraturpreis) und damit ausgezeichnet (u.a. mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur). Anne Freytag lebt und arbeitet in München. Im Kampa Verlag sind ihre Romane Lügen, die wir uns erzählen und Blaues Wunder erschienen.

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