Wir Kinder der offenen See von Virginia Tangvald
Autorin: Virginia Tangvald, Genre: Autobiografie, Verlag: Penguin, ISBN: 978-3-328-60443-3, 1. deutschsprachige Auflage 05/2026, 192 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Aus dem Französischen von Nathalie Lemmens
Erhielt in Frankreich zahlreiche Auszeichnungen
Wurde auch als Dokumentation verfilmt und erhielt den TV5-Publikumspreis für den besten französischsprachigen Film
‚Das großartige und schwindelerregende Debüt einer Tochter des Meeres, die sich endlich verankern kann: im festen Boden der Literatur.‘ Elle
Virginia wird 1986 im Karibischen Meer geboren. Wie schon ihre Geschwister vor ihr erblickt sie das Licht der Welt an Bord der Artemis. Das Segelschiff ist der ganze Stolz ihres Vaters Peter Tangvald: Neun Jahre hat er daran gebaut und fährt nun mit seiner Familie von Hafen zu Hafen. Doch an seinem großen Freiheitstraum wird er schließlich zugrunde gehen: Vor der Insel Bonaire erleidet die Artemis Schiffbruch, Virginias Vater und Schwester kommen ums Leben. Ihr Bruder ist der einzige Überlebende – bis er später selbst auf hoher See verschwindet. Obwohl Virginia das Schiff schon als Zweijährige mit ihrer Mutter verließ, haben die Tragödie und das Leben auf See sie nie losgelassen. Wie kann sie dem Schatten ihres Vaters entkommen? Wie die eigene Herkunft zwischen den Weltmeeren fixieren? Eine unglaubliche Familiengeschichte von Freiheit um jeden Preis, eine bewegende Irrfahrt von Bonaire über Puerto Rico nach Paris – und eine Hommage an die Kraft des Erzählens. (Klappentext)
Nackt lief er über das Riff. Die berstenden Korallen schnitten ihm die Fußsohlen auf. Er steuerte das erstbeste Haus an. Der Bauer sah den Jungen schemenhaft. Als er näher kam, den schmächtigen Körper übersät mit blutenden Wunden, setzte er ihn in den Schaukelstuhl auf der Veranda, deckte ihn zu und lief ins Haus, um einen Kaffee zu kochen. Er weckte seine Frau und als sie nach unten kam, saß der Junge da, schaukelte vor und zurück und blickte in die Ferne.
Der Junge hieß Thomas und war fünfzehn. Viel mehr bekamen sie im Krankenhaus nicht aus ihm heraus. Eine Schwester gab ihm Papier und Stifte, weil sie hoffte, dass ihm das Schreiben leichter fiel als das Sprechen. Thomas malte das gewaltige Meer, das Boot und den schwarzen Himmel und allmählich kamen die Worte zurück. Sein Vater fuhr mit Thomas kleiner Schwester auf der Artémis. Sie schleppten Thomas mit seinem Boot hinter sich her. Starker Wellengang ließ Thomas an Deck gehen. Er sah, wie sein Vater das Wasser rund um die Artémis mit einer Stablampe beleuchtete, bevor er wieder unter Deck verschwand. Thomas Worte wurden vom tobenden Wind verschluckt. Er sah die Artémis stur auf das Ufer zuhalten und verstand nicht. Er hörte das laute Krachen, als das Schiff auflief und genau in dem Augenblick sprang er mit seinem Surfbrett von Bord.
Virginias Mutter verließ Peter aus einem Impuls heraus, da war sie zweiundzwanzig. Ihre zweijährige Tochter nahm sie mit. Sie hatten in Puerto Rico angelegt und sie gab vor, dringende Einkäufe besorgen zu müssen. Stattdessen stiegen sie ins Flugzeug zu ihrer Mutter nach Toronto. Virginia wird zwanzig Jahre alt sein, wenn sie ihren Bruder Thomas wiedersieht, um mit ihm über ihren Vater und ihre Halbschwester zu sprechen.
Fazit: Virginia Tangvald hat in ihrem Debüt ihre außergewöhnliche Familiengeschichte rekonstruiert. Ihr freiheitsliebender Vater hat sich schon früh dem Meer verschrieben. Virginias Mutter war seine dritte Ehefrau. Ihre Halbgeschwister stammten aus erster und zweiter Ehe. Ihre Mutter floh frühzeitig mit ihr nach Kanada, wo sie aufwuchs. Bei der Havarie Jahre später starben ihr Vater und ihre Halbschwester. Man fand nie heraus, warum ein so erfahrener Seemann, der mehrfach die Welt umsegelt hatte, die Kontrolle über sein Boot verlor. Virginias Halbbruder Thomas tritt in die gleichen Fußstapfen. Virginia Tangvald entblättert ihre Familiengeschichte nach und nach. Sondiert Zeitungsartikel, alte Bordbücher und spricht mit den Menschen in der Karibik, die ihm begegnet sind. Sie beschreibt das Charisma ihres Vaters, das sich auch in ihrem stillen Bruder zeigte. Das entbehrungsreiche Leben auf See mit dem bestimmenden Vater und Ehemann war kein Spaziergang. Was mir an diesem Buch so gut gefällt ist die Stimmfarbe, die ich bei französischen Autor*innen schon oft gefunden habe. Sie flechtet ihre eigenen frühen Erfahrungen mit einem charismatischen, psychisch kranken Musiker ein, mit dem sie eine langjährige Beziehung führte. Diese Autobiografie wurde mehrfach ausgezeichnet und als Dokumentation verfilmt. Ich fand es so fesselnd, dass ich in einem Rutsch hindurchgeflogen bin.
Die Autorin: Virginia Tangvald wurde 1986 im Karibischen Meer nahe Puerto Rico an Bord eines Segelschiffs geboren. Nach ihren ersten Jahren auf hoher See wuchs sie in Kanada auf und lebt heute in Paris. Ihr Debütroman Wir Kinder der offenen See wurde mit dem Prix Révélation d’automne ausgezeichnet und für zahlreiche weitere Preise nominiert, u.a. den Grand Prix des Lectrices de Elle und den Prix du Roman Version Femina. Sie adaptierte ihren Roman auch als Dokumentarfilm und erhielt dafür den TV5-Publikumspreis für den besten französischsprachigen Film.