Alleinruhelage von Eva Menasse
Autorin: Eva Menasse, Genre: Literarische Fiktion, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-80221-4, 1. Auflage 08/2026, Preis Hardcover €23,00
Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen. Die nötige Hilfe ist quasi vom Himmel gefallen, Alla und Bolek aus Polen, zwei Kettenraucher, die alles können. Die Renovierungen und Rückschläge, die geplatzten Wasserleitungen und die Bosheiten der benachbarten Schrebergärtner lösen viele Erinnerungen und neue Erkenntnisse aus – und so manche Fallstricke der deutsch-deutschen Geschichte nimmt die Erzählerin womöglich genauer wahr, als Wienerin in der doppelten Fremde. Dann beschließt sie, das geliebte Haus zu verkaufen, um noch einmal aus- und aufzubrechen aus ihrer ’stabilen Alleinruhelage‘. Eva Menasse hat einen vielschichtigen Roman über die Zwischenbilanz eines Lebens geschrieben, eine gewitzte Reflexion über Fremdheit und Heimat – und das Abschiednehmen. (Klappentext)
Die Ehe längst perdu, die Kinder aus dem Haus, seine und ihre. Was wird aus dem Wochenendhaus mitten drin in Ostdeutschland, das ihr geblieben ist? Die erste Rückkehr nach einer Weile der mehr oder weniger geklärten Fronten war mehr als ernüchternd. Sie traf sich mit dem Makler, sie gingen hinein und dann sah sie etwas, das sie nie im Leben erwartet hätte. Die Kommode im Hauptraum fehlte samt Schubladen, deren Inhalt auf den Boden gekippt wurden. Kinderspielzeug, Nähzeug, ein Kartenspiel, Socken, Batterien und Taschenlampen ergossen sich auf dem Boden. Sehr viele leere Weinflaschen hatten sich dazu gesellt. Ihr Blick fiel auf eine gebrauchte Männerunterhose, die sie mit der Schuhspitze hinter den Kühlschrank beförderte. Er habe schon alles gesehen, merkte der Makler an. Ein Anflug von Lachen erstickte erschrocken in ihrem Hals. Der Makler tat, als habe er nichts bemerkt und fotografierte zuerst einmal von außen. Drinnen zeigte er mit der Handkante welche Notwendigkeiten ihm vorschwebten und sie räumte Zeug von A nach B.
Ihre längste und beste Freundin Amy rückte mit reißfesten Müllsäcken an und half ihr, es zu entrümpeln das Haus, das sie einst so liebevoll wie ahnungslos renoviert hatten, obwohl ihnen die Genehmigung fehlte. Es war eine ehemalige Kneipe auf einem DDR-Campingplatz und als ihr damaliger Partner und sie sich zum Kauf entschieden hatten, stand es plötzlich in einem Landschaftsschutzgebiet der Bundesrepublik Deutschland. Aus dem Campingplatz war eine Schrebergartensiedlung mit mehr oder weniger stabilen Datschen geworden. Die Anwohner beäugten sie, die Zugezogenen, argwöhnisch.
Fazit: Die vielfach ausgezeichnete Autorin Eva Menasse hat mit diesem Buch etwas Neues versucht. Sie erzählt die fiktive Geschichte einer Frau mittleren Alters nach dem Eheaus. Das Wochenendhäuschen, das ihr geblieben ist, bedarf ausgiebiger Fürsorge. Zuerst will sie es verkaufen, aber dank den zwei findigen polnischen Handwerkern macht sie Haus und Garten zu einem paradiesischen Ort. Die Protagonistin lässt die Ereignisse, die sie in dem Haus erlebt hat, revue passieren. Sie spricht über das Fremdsein, das Ankommen, die Liebe und das Abschiednehmen. Ich mochte die zahlreichen Metaphern sehr:
Alles flirrt, summt, bebt vor Sommerfreude. Licht und Schatten spielen miteinander wie die Finger eines Liebespaars. S. 17
Die melancholischen und auch amüsanten, teils komischen Rückblicke lesen sich autobiografisch (sind jedoch fiktiv). Ich hätte mir ein wenig mehr von den im Klappentext eingeführten Handwerkern Alla und Bolek gewünscht, die jedoch nur einen kurzen Gastauftritt hatten. Mir gefielen viele Gedankengänge, aber die Meinung der Protagonistin zu politischen Ereignissen hätte ich nicht immer gebraucht. Ebenso neigt die Protagonistin teils zur Geschwätzigkeit. Den Schreibstil allerdings fand ich großartig, ebenso die Technik vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen. Und ich bleibe der Autorin, die ich bisher nur aus dem „Literarischen Quartett“ kannte, durchaus zugeneigt.
Die Autorin: Eva Menasse, geboren in Wien, lebt seit über 25 Jahren in Berlin. Ihrem Debüt ‚Vienna‘ (2005) folgten Romane und Erzählungen (‚Lässliche Todsünden‘, ‚Quasikristalle‘, ‚Tiere für Fortgeschrittene‘), die vielfach ausgezeichnet und übersetzt wurden. Preise (Auswahl): Heinrich-Böll-Preis, Friedrich-Hölderlin-Preis, Österreichischer Buchpreis, Bruno-Kreisky-Preis, Jakob-Wassermann-Preis, Ludwig-Börne-Preis und das Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Ihr letzter Roman ‚Dunkelblum‘ war ein Bestseller und wurde in zehn Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien der Essay ‚Alles und nichts sagen. Vom Zustand der Debatte in der Digitalmoderne‘ (2023). 2025 wurde sie mit dem Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln ausgezeichnet.