Ich geh jetzt los und bring mich um von Fang Fang
Autorin: Fang Fang, Genre: Gesellschaftsroman, Verlag: Hoffmann und Campe, ISBN: 978-3-02116-5, 1. deutschsprachige Auflage 07/2026, 160 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Aus dem Chinesischen von Karin Betz
He Hanqing ist eine unsichtbare Frau. Seit der Hochzeit lebt sie im Haushalt der Schwiegereltern, wo sie kocht, putzt, wäscht, Einkäufe erledigt und als Mädchen für alles stets zu Diensten ist. Ihre eigenen Bedürfnisse interessieren niemanden, selbst den Gang zur Toilette muss sie unterbrechen, wenn jemand anderes muss. Die vielen Aufgaben sind das eine, die fehlende Wertschätzung sind das andere. Bin ich denn für niemanden mehr als eine kostenlose Haushaltshilfe? Die Wucht, mit der Hanqing diese Frage ins Bewusstsein drängt, lässt sie einen folgenschweren Entschluss treffen, der überraschende Folgen hat. (Klappentext)
He Hanqing will sich endlich erleichtern. Ihr Darm signalisiert ihr, dass es an der Zeit ist. Sie läuft zur Toilette und während sie die Tür öffnet, wird sie von hinten am Pulli festgehalten. Komm schnell mit, schreit Sanhuas Mann, ich brauche deine Hilfe. Sofort verstummt ihr Darm. „Meine Frau will sich umbringen.“ „Hast du wieder eine deiner Affären gehabt?“ Er verneint, er habe nur der Frau vom Friseursalon beim Tragen geholfen, die hatte ja keine Ruhe gegeben. Hanqing folgt ihm auf die Straße. Da schreit die Schwiegermutter nach ihrem heißen Wasser. Hanqing schreit zurück, dass ein Menschenleben vorgehe. Diese kaltherzige Alte, denkt sie.
Sanhua sitzt auf dem Bett und heult. Hanqing schwatzt sich die Zunge wund, bis Sanhuas Tränen versiegen. Ihr sei ganz egal, ob ihr Mann eine oder hundert andere Frauen habe, ihr Leben sei es, das sie nicht mehr aushalte.
Auf dem Weg nach Hause denkt Hanqing noch lange über die Worte nach. Und nein, Putzen, Kochen, Waschen, Einkaufen und ständige Verfügbarkeit -Hanqing mach dies, mach das – konnte wirklich nicht erstrebenswert sein.
Kaum ist sie zurück, ruft die Schwiegermutter nach ihrem Wasser. Hanqing setzt den Kessel auf den Herd und beobachtet, wie die züngelnden blauen Flammen am rußgeschwärzten Kesselboden lecken, als ihr Darm sich wieder regt. Sie läuft zur Toilette, stößt die Tür auf, die den Wischmopp zu Fall bringt. Sie greift danach, stößt gegen den Waschtisch, hält das Becken, damit er nicht umfällt und ein Schwall abgestandenes Rasierwasser der Alten schwappt über die Ärmel ihres besten Wollpullis, den sie sich vom Mund abgespart hat.
Fazit: Die wohl bekannteste Autorin Chinas hat den ermüdenden Alltag einer Protagonistin gezeichnet, die wohl am ehesten als „pleasure people“ bezeichnet werden könnte. Sie kümmert sich um ihren Mann, ihre Schwiegereltern und die Schwägerin mit allem, was zur Care-Arbeit dazugehört. Als ihr Mann seine Arbeit verliert, putzt sie nebenbei bei Nachbarn, um die Familie zu ernähren. Danken tut es ihr niemand, im Gegenteil, keiner rührt einen Finger um die gebeutelte Frau zu unterstützen. Man nennt sie faul, einfältig und ungebildet. Ein Bauerntrampel eben. Die Nachbarschaft weiß Hanqing zu schätzen, der sie zusätzlich mit Gefälligkeiten entgegenkommt. Die Autorin zeigt auf einfache Weise, wie Frauen im traditionsreichen, kommunistischen China sich für ihre Familien aufopfern und ausgebeutet werden. Ich muss zugeben, dass ich dem Schreibstil Fang Fangs nicht so viel abgewinnen konnte, das ist allerdings mein persönlicher Geschmack.
Die Autorin: Fang Fang ist eine der bekanntesten Schriftstellerinnen Chinas. Sie wurde 1955 geboren und lebt seit ihrem zweiten Lebensjahr in Wuhan. Ihr 2020 auf Deutsch erschienenes Wuhan Diary stand wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Zuletzt erschienen von ihr bei Hoffmann und Campe der vielfach gefeierte Roman Glänzende Aussicht (2024) sowie Blume Vollmond (2025).