Die Austernfischerin von Celine Edinger
Autorin: Celine Edinger, Genre: Zeitgenössische Romantik, Queere Literatur, Verlag: Kein & Aber, ISBN: 978-3-0369-5182-9, 1. Auflage 07/2026, 240 Seiten, Preis Hardcover €23,00
Debütroman
Lydia verbringt ihren Urlaub im Haus der Mutter ihres Freunds Hendrick an der dänischen Nordseeküste. Elna gilt als schroff wie die See. Als Hendrick erfährt, dass er durch eine Prüfung gefallen ist und lernen muss, ist Lydia auf sich gestellt. Elnas Einladung, ihr bei der Austern-Ernte zu helfen, nimmt sie zögernd an, und nähert sich auf den kargen Sandbänken einer Seite Elnas, die nur die wenigsten zu kennen scheinen. Vorsichtig erkundet Lydia eine zarte Zuneigung zu der unnahbar wirkenden Frau, während Hendrick sich immer weiter entfernt. Celine Edingers Debüt erzählt sinnlich und bildstark von Intimität und Tabubruch, fragt, ab wann sich Grenzen verschieben, und ergründet das Gefühl, von einem Menschen wirklich gesehen zu werden. (Klappentext)
Hendrik und Lydia wollen ein paar Tage ans Meer nach Dänemark. Hendriks Mutter lebt dort. Lydia fragt Hendrik, wie Elna so ist, doch der bleibt wortkarg, er weiß es schlicht nicht. Als ob er sie nicht kennen würde, sie solle sich einfach selbst ein Bild machen. Um sieben Uhr am nächsten Morgen will er los. Lydia packt ein paar Klamotten ein, unschlüssig, wie das Wetter sein wird. Zuerst hat sie Schwierigkeiten einzuschlafen und gleitet dann doch in die nachtschwarze Landschaft hinter ihren Augen hinab. Ein Klingeln schreckt sie aus einem Traum. Sie springt aus dem Bett, muss vergessen haben, den Wecker zu stellen. Der Türöffner brummt. Hendrik kommt herein, läuft angespannt hin und her. Er habe etliche Male geklingelt, versteht nicht, wie man so verpeilt sein kann. Er wartet unten im Auto auf sie. Eine dreiviertel Stunde später setzt sie sich auf den Beifahrersitz, wissend, dass er nur das nötigste mit ihr reden wird. Sie machen einen Zwischenhalt bei Mc Donalds und Hendrik bestellt am Drive In das Happy Meal. Lydia will nur Pommes und so bestellt er es gleich zweimal. Gegen Nachmittag kommen sie an. Lydia steigt aus, hört die Wellen gegen die Felsen schlagen und riecht Algen.
Elna öffnet die Haustüre. Sie ist groß, trägt ein weißes, enges Langarmshirt und eine Stoffhose, darunter nackte Füße. Das blonde halblange Haar ist von grauen Strähnen durchzogen. Kommt herein! Sie tritt einen Schritt zurück. Sie gehen durch den Flur in die Küche. Ein Blick ins Wohnzimmer zeigt, dass der Tisch bereits gedeckt ist. Elna hat Salat zubereitet, der in einem orangegelben Dressing glänzt. Sie legt beiden vor, dann sich selbst, geht wieder in die Küche und kommt mit einer Pfanne zurück, in der in Panade gebratener Ziegenkäse liegt. Lydia nimmt eine Gabel, der Salat spritzt frisch zwischen ihren Zähnen. Das Dressing ist süß-sauer, sie schmeckt Senf, Honig und Orangensaft. Sie nimmt sich eine Scheibe Brot und bestreicht sie dick mit Meersalzbutter. Es kracht in ihrem Mund, außen knusprig, innen fluffig, sie muss es selbst gebacken haben. Henrik und Elna essen zügig und reden schnell. Als Lydia bei ihrer zweiten Scheibe ist, sind die beiden fertig. So viel auf einmal habe er Lydia noch nie essen sehen. Elna lächelt.
Fazit: Celine Edinger, Kuratorin und Redakteurin, hat in ihrem Debüt eine ganz subtile und zarte Annäherung zweier unterschiedlicher Frauen gezeichnet. Die Protagonistin lernt die Mutter ihres Lebensgefährten kennen und ist auf Anhieb fasziniert von der stillen, hageren Frau, die in einfachen Verhältnissen lebt. Elnas Sohn findet kaum Zugang zu seiner Mutter. Sie betreibt eine Austernfischerei, die sie von ihrem Vater übernommen hat. Die Geschichte ist durchdrungen von Sinnlichkeit. Während ich dieser ruhigen Erzählung lausche, begegnet mir die raue Nordsee mit ihrem Wind und ihrer kühlen Witterung. Ich schmecke das einfache wie geschmacksintensive Essen. Sehe die karge Einrichtung Elnas Hauses, die wenig Ablenkung und Raum für eigene Gedanken lässt. Die kalten, spröden Schalentiere, deren Zweck es ist, das Meerwasser zu filtern und deren Bestimmung von gut situierten Leuten aufgebrochen und lebend verspeist zu werden. Zwischen Lydia und Hendrik kommt es zu Unstimmigkeiten, die sich verstärken. Und da ist Elna, die trotz der rauen Schale so bedürftig wirkt nach Berührung und Wertschätzung. Zwischen Mutter und Sohn gibt es etwas Unausgesprochenes, dem Lydia auf die Spur kommt. Hier ist eine ganz fein ziselierte Geschichte entstanden, die mich vom eigenen stressigen Alltag auf ganz Wesentliches, sozusagen den Kern der Dinge oder das, was wirklich wichtig ist, gelenkt hat. Ein Raum in seiner ganzen weiblichen, sinnlichen Schönheit, wie er nur in Frauenfreundschaften möglich ist.
Die Autorin: Celine Edinger, geboren 1998, arbeitet in München als Kuratorin und Redakteurin im Bereich der Erwachsenenbildung. Auf Instagram ist sie als queere Autorin und Feministin aktiv. Sie studierte Kommunikationswissenschaft und Soziologie und gab während ihres Studiums das Printmagazin Zeitlichkeiten heraus.