Die Dichterin von Özge Inan
Autorin: Özge Inan, Genre: Gegenwartsliteratur, Verlag: Piper, ISBN: 978-3-492-07489-6, 1. Auflage 07/2026, 224 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Emma Rodenstock ist ein Phänomen. Kritik, Talkshows und Publikum reißen sich um die junge Dichterin aus der Unterschicht. Sie gibt der Debatte um Klassismus und Privilegien ein Gesicht. Bis Nazanin Esfahani, aufstrebende Journalistin, eine Unstimmigkeit in ihrer Geschichte findet. Sehr bald taucht auch eine zweite Lyrikerin auf, die Emmas Texte geschrieben haben will. Kann das wahr sein? Es wäre ein handfester Skandal. Und für Nazanin ein Coup. Doch wem ist damit geholfen? Und wem schadet es? Ein hochunterhaltsamer Roman über die Macht von Geschichten in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie. ‚Eine Heldin, die man bewundert und verabscheut. Ich will mit Emma befreundet sein und habe Angst vor ihr.‘ Caroline Wahl ‚So klug und schlagfertig erzählt, wie nur Özge -nan es kann. Ein Kopfsprung in die Fragen um Authentizität, Aneignung und öffentliche Aufregung. Ein skandalös gutes Buch!‘ Mithu Sanyal ‚Ein Roman von seltener Eleganz über die älteste Versuchung des Schreibens: sich ein erzählbares Ich zu dichten. Gedanklich und sprachlich so umwerfend präzise wie pointiert – und von einer Sogkraft, die einen bis zur letzten Seite nicht loslässt.‘ Samira El Ouassil (Klappentext)
Emma Rodenstock kommt von ganz unten. Sie erinnert sich gut an die Zeit, als sie an der Tafel anstand und ihrer Mutter ein paar geschenkte Lebensmittel in die Tasche schob. Jetzt hat sie geschafft, was kaum einer ihresgleichen erreicht hat. Sie ist ganz oben angekommen, tingelt durch die deutschen Talkshows und verkündet ihre Agenda über Armut, Chancenungleichheit, Klassismus und Privilegien. Sie beklagt das Sozialsystem, das sie für demokratiefeindlich hält. Ihr Angriff auf die wohlstandsverwöhnte Gesellschaft ist das, was gerade ankommt. Emma hat einen Gedichtband geschrieben und sie hat Charisma. Wenn sie über ihre Spandauer Kindheit spricht:
In der Geburtslotterie hatte ich also zeitlich und räumlich null richtige. S. 18
kann sie sich einiger Lacher gewiss sein. Die Leute brauchen die Auflockerung, bevor es ernst wird:
Die Erziehung meiner Mutter lässt sich auf zwei Ziele herunterbrechen: Den Vater von den Kindern und die Kinder von den Drogen fernhalten. S. 18
Räuspern, Schlucken, betretenes Schweigen. Sie kennt ihr Publikum.
Nazanin träumt von einer Zukunft im Wirtschaftsressort. Sie ist Praktikantin in der großen Hauptstadtredaktion und volontiert im Kulturressort. Dann flüstert Tarek ihr zu, dass in diesem Jahr wegen Sparmaßnahmen keine Volontäre übernommen würden. Nazanin sieht ihren Traum platzen, sich wieder zu ihren Eltern nach Heidelberg ziehen. Sie braucht eine zündende Idee.
Roya kündigt sich an, ihre Tochter am Wochenende zu besuchen. Nazanin geht mit ihr Sushi essen und danach zum Friseur. Während die Hairstylistin Roya eine undefinierbare Mischung auf den Ansatz streicht, blättert Roya in der neuen Brigitte: „Schau, da ist der neue Stern am Himmel, die Lyrikerin Emma Rodenstock.“ Nazanin liest den Artikel und schüttelt den Kopf. Zehn Minuten später fängt sie Feuer.
Fazit: Die Journalistin, Juristin und Autorin Özge Inan („Natürlich kann man hier nicht leben“) verhandelt in ihrem zweiten Roman, den Aufstieg einer vermeintlich armen Lyrikerin aus der Unterschicht und einer ehrgeizigen angehenden Journalistin, die die große Story wittert. Als die Kontrahentinnen aufeinandertreffen, verfällt Nazanin Emmas Charme ebenso wie ihre Berufskollegen. Für eine Exklusivreportage führt sie Emma an die Orte ihrer Kindheit und Jugend und bemerkt einige Ungereimtheiten. Als sich dann eine junge Frau meldet, die die Gedichte tatsächlich geschrieben haben will, startet Nazanin eine Hexenjagd. Die Geschichte ist temporeich und intensiv. Irgendwann wird klar, dass die echte Lyrikerin ohne Ausstrahlung nie in den Genuss einer Veröffentlichung kommen konnte und die Fakelyrikerin aus gutem Hause nichts Brauchbares zu erzählen hatte. Im Grunde verleiht die Charismatische der Unscheinbaren eine Stimme und hält die Aufmerksamkeitsökonomie am Laufen, aber sie hat ein Tabu gebrochen und sich fremdes Gedankengut angeeignet. Die Konsequenz ist der öffentliche Aufschrei bis zum Canzeln des Verlags. Doch es bleibt spannend bis zum Ende. Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet. Zwei privilegierte Frauen, die beide großes erreichen wollen, um ihr Ego zu streicheln. Eine temporeiche und kluge Veranstaltung, die mich bis zur letzten Seite gefesselt hat.
Die Autorin: Özge -nan, geboren 1997 in Berlin, ist Juristin, Journalistin und Schriftstellerin. Sie schreibt u.a. für den SPIEGEL, den Freitagund die ZEIT. Ihr Debütroman ‚Natürlich kann man hier nicht leben‘ war für den Ulla-Hahn-Preis nominiert.