Anti Müller von Yade Yasemin Önder
Autorin: Yade Yasemin Önder, Genre: Gegenwartsliteratur, Feminismus, Verlag: Park x Ullstein, ISBN: 978-3-98816-065-2, 2. Auflage 02/2026, 240 Seiten, Preis Hardcover €23,00
Mehrfach ausgezeichnete Autorin
‚Liebe ist die Illusion, dass die aktuelle Beziehung hält, und die nach ihrem Ende nur durch eine neue Illusion in Form einer neuen Liebe zur Desillusion werden kann.‘ Anti Müller ist kein Liebesroman. Es ist eine schonungslose Analyse verkrusteter Strukturen und ihrer sanften Vollstrecker, unter deren lackierten Nägeln noch immer der Schmutz des Patriarchats lauert.
Mit großer poetischer Präzision seziert Yade Önders Erzählerin die Mechanismen moderner Beziehungen sowie eines vermeintlich feministischen Kulturbetriebs, der nach wie vor den Männern die Regie überlässt. Über die Bühnen. Und über die Körper. ‚Ich wage zu prophezeihen, dieses Buch wird ein feministischer Klassiker.‘ Daniela Dröscher (Klappentext)
Ihr Tinder Date heißt Andi. In den ersten fünf Minuten erfährt sie, dass er freier Schauspieler und gerade aus Stockholm von einem Filmdreh zurück ist, zwei Serien aus dem Backoff mit seiner Stimme betört und wie er sich auf die Premiere in München freut. Er redet viel, fragt nichts. Die Mutter seiner Zwillinge und er leben getrennt und er datet noch eine andere. Eigentlich will sie jetzt schon aus Prinzip nichts mehr von ihm, Typen in offenen Beziehungen turnen sie ab. Aber was, wenn das die Gelegenheit ist, von Kar wegzukommen.
Sie sitzen an ihrem Küchentisch, auf dem Kerzen brennen, schauen sich in die Augen, blicken weg, ziehen an ihren Zigaretten. Und dann endlich stößt Andi ihr Kar aus dem Kopf. Sie erwacht allein und freut sich darüber. Sie zieht das Bett ab, putzt die Wohnung und heult laut herum. Nicht wegen Kar, denkt sie.
Sechs Jahre lang hat Kar sie hingehalten. Ja, nein, vielleicht. Hier noch das Buch zu Ende bringen, da noch der Podcast und das alles wegen seiner Verantwortungsphobie. Jetzt ist sie ein fünfunddreißigjähriger Single, mit einem lahmen Eierstock, Single und Kar wieder auferstanden, um ihre schöne, sanierte Altbauwohnung für sich zu beanspruchen. Die, die sie zwei Wochen vor seinem Abflug gefunden und lieb gewonnen hatte. Die, die er als Bourgeoise-Hölle bezeichnet hat.
Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Yade Yasemin Önder, deren Stücke auch fürs Theater adaptiert wurden, hat es krachen lassen. Ihre Antiheldin ist Ende dreißig und möchte ihre Erfüllung in einer kleinen Familie finden. Ihr letzter Partner, der sich nie zu ihrem Glück zwingen ließ, hat sie verlassen. Ihr Tinder Date Andi Müller ist auch keine Bereicherung. Je näher die Deadline, das Ende des Anti-Müller-Hormons, desto obsessiver und einfallsreicher wird sie. Mit ihrem knackigen, plakativen Schreibstil hat sie mich von Anfang an gefesselt, dann hat mich der experimentelle Ausdruck genervt. Dann kam die absurde Fixierung auf Ejakulate, die Abhängigkeit und das Selbstmitleid. Dieser hysterische Teil mit dem zentrierten Kreisen um sich selbst hat mich wahnsinnig gemacht. Ok, es ist eine feministische Gesellschaftssatire, ist also überspitzt und muss wehtun und wenn ich etwas verstanden habe, dann dass Kar oder Andi Müller keine klaren Ansagen gemacht haben. Und wenn es eine Metaebene geben sollte, dann würde die Botschaft lauten, dass Männer sich vor Verantwortung drücken, aber das würde ein Klischee bedienen, eine Verallgemeinerung schaffen, die nicht haltbar sein kann. Definitiv hat Yade Yasemin Önder mich nachdenklich gemacht. Es ist möglich, dass die Geschichte bei mir nicht ankam, weil sie nicht meiner Lebenswirklichkeit entspricht und weil mich egozentrische Menschen in die Flucht schlagen. Das Buch hat es heute (11.08.2026) auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft.
Die Autorin: Yade Yasemin Önders Theaterstück Kartonagewurde 2017 zu den Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike. Ihr Debütroman Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (2022, KiWi) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den ZDFaspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman Wir kommen, dessen Mitautorin sie ist.