Gib mir alles von Alexandra-Maria Pipos
Autorin: Alexandra-Maria Pipos, Genre: Familienfiktion, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-01281-1, 1. Auflage 09/2026, 272 Seiten, Preis Hardcover €23,00
Debütroman
Was bleibt, wenn du niemanden mehr beeindrucken musst? Ioana powert sich aus: im Job und dabei, stets die Erwartungen ihrer rumänischen Familie zu erfüllen. Als ihr Großvater stirbt, gerät sie an ihre Grenzen – und muss sich dabei neu erfinden. Alexandra-Maria Pipos erzählt humorvoll und temporeich von einer jungen Heldin im Spagat zwischen zwei Ländern und verschiedenen Versionen ihrer selbst. Sowohl in ihrem Job bei Cadris Consulting als auch als aufopferungsvolle Tochter: Ioana glaubt an Leistung. Dass die Grenzen zwischen Selbstoptimierung und Wahn fließend ineinander übergehen, ignoriert sie. Zu wichtig ist der bevorstehende Pitch, der ihr die langersehnte Senior-Position bringen soll. Dann muss sie unerwartet zur Beerdigung ihres Großvaters nach Rumänien. Dort angekommen und mit einem Ohr immer noch in Kunden-Calls, mit dem anderen schon bei den Witzen ihres Onkels Radu, wird sie mit ihrer verrückt-liebenswürdigen bis abgründigen Familiengeschichte konfrontiert – und einem Land, das sie so nicht mehr kennt. Bald beginnt sie zu zweifeln, an den Erinnerungen aus den Sommern ihrer Kindheit, den Geschichten ihrer Eltern. Am Ende muss sie eine unmögliche Entscheidung treffen und sich fragen, was sie mit den Scherben anfangen soll, die man ihr hinterlassen hat. (Klappentext)
Workout, Podcast hören, Bett machen, duschen, Outfit finden, arbeiten, Ionas tägliche To-do-Liste ist lang. Zwischendurch News-Apps checken und die Überschriften inhalieren, E-Mails abarbeiten.
Sie wacht vor dem Wecker auf, starrt an die Decke, geht Konzepte und Analysen durch und manchmal stellt sie sich vor, wie sie Christians Gesicht eindrückt, um ihre konkurrenzmotivierte Hassliebe zu unterstreichen.
Tom hat ihr gestern nach 24 Uhr noch eine Anmerkung geschickt, um sie um 7:30 Uhr zu fragen, ob sie die schon umgesetzt hat und selbstverständlich hat sie die Umsetzung um 8:15 Uhr in die Cloud geladen. Im Büro ist sie vor Christian da und hat sich einen Fensterplatz ergattert. Bei seiner Ankunft trifft sein Blick sie von oben nach unten und gibt ihr das sichere Gefühl, für heute gewonnen zu haben. In der Küche setzt sie Kaffee auf. Der Geruch gefällt ihr besser als der Geschmack. Tom kommt rein. Er trägt heute Prada oder Brioni. In drei Stunden will er sich mit ihr bei den Aufzügen treffen, es könne wenige Minuten später werden. Sie ist etwas früher da und beobachtet die sich öffnenden und schließenden Türen. Die Blicke der Fahrgäste ruhen erwartungsvoll auf ihr. Sie schüttelt den Kopf und erntet freundliches Nicken. Das geht so zehn, zwanzig Minuten. Dann fragt eine Stimme hinter ihr: „Gehen wir?“, so als hätte er auf sie gewartet, nicht umgekehrt. Sie steuern die Kantinenschlange an, an die sie sich heute lieber nicht angestellt hätte. Adriana Ciobana steht auf ihrem Namensschild, die hatte erkennbar beobachtet, wie Ioana rumänisch mit ihrer Mutter telefoniert hatte, hoffentlich spricht sie sie jetzt nicht an.
Nachdem sie ihren Vitality-Salat gegessen haben, will Tom wissen, ob sie ihren Cappuccino draußen trinken wollen. Sie will und folgt ihm. Draußen halten sie ihre Gesichter in die Sonne. Tom mit selbsttönenden Brillengläsern für 700 € das Paar, sie mit zusammengekniffenen Augen. Er habe mit Andreas gesprochen. Iona kann das Pochen im Brustkorb nicht kontrollieren.
Hinter zusammengepressten Lippen schlägt sie schnell ein Kreuz mit der Zunge. Oberkiefer, Unterkiefer, linke Wange, rechte Wange. Gott ist immer bei dir, hatte ihre Mutter ihr erklärt. Seite 17
Fazit: Alexandra-Maria Pipos hat mit ihrem Debüt eine Protagonistin zu Wort kommen lassen, die sich zwischen ihrem Herkunftsland Rumänien und der deutschen Selbstoptimierungstendenz aufreibt. Sie ist ihrer Familie um einiges voraus, hat einen Wahnsinnsjob, in dem sie jederzeit verfügbar ist. Die Hierarchie und das Motto „Herrsche und Teile“ treiben sie zu Höchstleistungen. Dann stirbt ihr Großvater in Rumänien und zwingt sie zu einer kurzen beruflichen Auszeit, die unfreiwillig länger wird. Eine Zeit, in der sie gnadenlos die Felle davonschwimmen sieht. Dank der Autorin erlebe ich die Kultur eines Landes, von dem ich so gut wie nichts weiß. Ihre Familie besteht aus Gaunern, Trinkern und Verrätern. Der weibliche Teil frönt einem orthodoxen Glauben, der mit allerlei Ikonen und Bräuchen unterstrichen wird. (Unterhosen und Strümpfe auf links tragen hilft gegen Blasphemie und Verwünschungen). Die Autorin flechtet an einigen Kapitelanfängen als Heilige Verehrte ein, die tatsächlich zur Beschreibung der einflussreichsten Familienmitglieder dienen. Ein schönes Stilmittel. Bei aller Lockerheit im Sprachstil, den ich sehr unterhaltsam und authentisch finde, zeichnet sich im Hintergrund das düstere Bild eines vom Kommunismus gebeutelten Landes ab. Man spricht gerne und ausschweifend über die, die gestorben sind und das wirkt schon ziemlich morbide. Ich kann mir jetzt vorstellen, wie Graf Dracula in den Köpfen dieser melancholischen Menschen sein Unwesen treiben konnte. Ein überraschend unterhaltsamer Roman, den ich sehr gerne gelesen habe.
Die Autorin: Alexandra-Maria Pipos, 1989 in Rumänien geboren und in Deutschland aufgewachsen, hat Internationale Beziehungen und Kommunikations- & Kulturmanagement studiert. 2021 gewann sie den Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich, 2023 war sie Finalistin des 31. open mike. ‚Gib mir alles‘ ist ihr erster Roman.