Rezensionen Muttertage

Muttertage von Jennifer Segebrecht

Autorin: Jennifer Segebrecht, Genre: Familienfiktion, Verlag: Pfaueninsel (Bastei Lübbe), ISBN: 978-3-69131-024-5, 1. Auflage 08/2026, 272 Seiten, Preis Hardcover € 22,00

Romandebüt

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1961 reist die 18-jährige Ulrike zu einem Sprachkurs ins sommerliche Cannes – und kehrt schwanger zurück. Auf Drängen ihrer Eltern geht sie eine Scheinehe ein, die bald zerbricht. Für einen Neuanfang folgt sie dem sephardischen Geschäftsmann Adem nach Istanbul. Während die Kinder Barbara und Danyal dort Wurzeln schlagen, verliert Ulrike zunehmend den Halt und sucht Trost im Alkohol. Vierzig Jahre später erinnert sich Barbaras Tochter Charly an ein Leben zwischen Mutter und Großmutter, die bis zuletzt nicht mehr miteinander gesprochen haben. Auf der Suche nach dem verschwundenen Onkel Danyal beginnt sie zu begreifen, wie sehr die Konflikte der vorherigen Generationen in ihr fortwirken. Ein eindrucksvolles Debüt über Mütter und Töchter – und die Frage, welche inneren Konflikte tatsächlich die eigenen sind und wessen Gefühle wir eigentlich in uns tragen. Jennifer Segebrecht erzählt mit großer Sensibilität von drei Frauen, die aneinander leiden und wachsen.
‚Geradezu zauberhaft erzählt dieses Buch von den kleinen Grausamkeiten, die Mütter und Töchter einander antun können: im heutigen Köln, am Bonner Rheinufer, am Bosporus, in der Voreifel. Jennifer Segebrecht zeigt uns die Doppelmoral einer zum Glück verschwundenen Bundesrepublik und ein Istanbul, das es nicht mehr gibt. Und hat wie nebenbei einen großartigen neuen Heimatroman geschrieben.‘ David Wagner (Klappentext)

Bonn 2018

Der Pfleger bringt Charly zu Ulrike. Ihre Mutter hatte sie angerufen und Charly versteht nicht, warum sie es vor ihr wusste, schließlich sprachen die beiden seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander. Ulrike war schon öfter ins Krankenhaus gekommen, weil sie trank und stürzte. Bei ihrem letzten Aufenthalt sagte man ihr, dass es das jetzt war. Sie kam von der Klinik direkt ins Pflegeheim, in ein Zweibettzimmer. Die Bettnachbarin starrte an die Decke und stöhnte melodiös. Bewegen konnte sie sich nicht mehr. Die Selbstaufgabe dieser Frau motivierte Ulrike. Zuerst machte sie auf ihren Rollator gestützt nur drei Schritte und sank wieder auf den Bettrand. Dann erarbeitete sie sich das Badezimmer und einige Wochen später erkundete sie die gesamte Station. Bald darauf bekam sie ein Einzelzimmer in einem Gebäude, in dem die Patienten Gäste genannt wurden und verpflegte sich wieder selbst. Obwohl sie selbst in den kleinen Markt einkaufen gehen konnte, überredete sie einen Zivildienstleistenden, ihr eine Flasche Whisky zu besorgen. Sie glaubte immer noch an ihren Charme und wollte sich das beweisen. Als Charly einmal Liebeskummer hatte, sagte Ulrike ihr: „Es ist nicht schwierig, einen Mann zu halten, ihn loszuwerden dagegen schon“. Charly sieht sie hinten am Fenster liegen, blass und klein. Zierlich war sie immer, doch jetzt nur noch ein Schatten ihrer selbst. Charly fühlte sich immer der Loyalität ihrer Mutter gegenüber verpflichtet, die von der eigenen schlecht behandelt worden war. 

Das Leben meiner Großmutter ging zu Ende, und meine Gefühle für sie waren nicht mehr als ein einziger Altglascontainer voll bunt gemischter Scherben. Seite 18

Cannes 1961

Ulrike ist ganz allein an der Côte d´Azur. Sie ist gerade achtzehn geworden, besucht eine Sprachschule und teilt sich mit Liya ein Zimmer. Sie werden auf eine Party eingeladen und lernen den älteren, gut aussehenden Arthur kennen. Der umgarnt die beiden jungen Frauen, blitzt aber an Liyas kalter Schulter ab. Ulrike entflammt und kehrt frühzeitig schwanger nach Hause zurück. 

Fazit: Die Wirtschaftspsychologin und Autorin Jennifer Segebrecht hat in ihrem Romandebüt eine fein ausgearbeitete Familienfiktion gezeichnet. Sie zeigt mir, wie weit der Konflikt zwischen Mutter und Tochter in die nächste Generation hineinspielt. Die Großmutter Ulrike wird tragischerweise mit achtzehn schwanger. Um dem Skandal zuvorzukommen, arrangieren ihre Eltern eine Scheinehe, die scheitern wird. Ulrike lernt am Bosporus den Geschäftsmann Adem, Liyas Bruder kennen und verliebt sich. Sie zieht nach Istanbul und genießt das Leben in Wohlstand. Als sie das zweite Kind bekommt, fürchtet sie in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Die Tochter Barbara leidet unter der mütterlichen Selbstbezogenheit. Barbara wächst zu einer bodenständigen Frau heran, die den Schmerz der Demütigungen durch die Mutter in ihrem Herzen eingekapselt hat. Die Enkelin Charly wächst mit der Angst vor mütterlicher Ablehnung auf, weil Barbara allergisch darauf reagiert, belogen zu werden. Und Charly kann ihren eigenen Gefühlen nicht trauen, weil Barbara jeden Frust ihrer Tochter herunterspielt: „Man muss sich eben auch mal zusammenreißen“. Die Autorin hat die Gabe, Charaktere zu zeigen. Hier ist ein Bild dreier unterschiedlicher Frauen entstanden, die in die großen transgenerativen Konflikte verwebt sind. Es zeigt auch ganz wunderbar, wie Schmerz, Demütigung, aber auch die Liebe zu einem Land in die Seelen der kommenden Generationen eingeschrieben werden, welchen Einfluss die Epigenetik auf uns hat. Eine feinfühlige Erzählung mit schöner Stimmfarbe, die mich durch die Geschichte getragen hat. 

Die Autorin: Jennifer Segebrecht, geboren 1991, lebt in Köln. Nach ihrem Studium und Aufenthalten in London und San Francisco arbeitet sie als Wirtschaftspsychologin und Autorin. Sie war Stipendiatin des ‚1:1‘-Mentoringprogramms für NRW-Schriftsteller*innen mit David Wagner und gewann den Publikumspreis beim Kölner Förderpreis für junge Literatur. Ihre Kurzgeschichte Etiketten erschien in Das Gramm. Muttertage ist ihr Romandebüt.

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