Das Knistern im All von Steohan Lohse
Autor: Stephan Lohse, Genre: Coming – of – Age, Verlag: Suhrkamp nova, ISBN: 978-3-518-43309-6, 1. Auflage 08/2026, 176 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Buch des Monats beim NDR (Das Summen unter der Haut) 2023
Matti, fünfzehn Jahre alt, Sohn reicher Eltern, ist auf Klassenfahrt. Zehnte Klasse, Amrum. Wattwürmer ausgraben, rumhängen am Strand, kiffen und küssen. Während dieser Tage erlebt Matti einen psychischen Zusammenbruch. Es ist, als würde er die Welt von unten sehen. In den Dünen erscheint ihm eine Antilope. Seine Freunde, Anna, Can und die anderen, helfen ihm. Ein Jahr später sieht er die Antilope noch immer und wird von seinen Eltern zur Therapeutin geschickt. Als er in der zwölften Klasse ist, kommt er in die Psychiatrie. Seine Freunde befreien ihn daraus. Einige Stunden später sind sie erneut auf Amrum. Und während sie das Ende der Schulzeit erwarten, blickt Matti in eine ungewisse Zukunft, doch er weiß: Er ist nicht allein.
Die letzten Schuljahre, das erste Mal mit einem Mädchen, das erste Mal mit einem Jungen und eine Diagnose, die alles noch komplizierter macht. Stephan Lohse erzählt mit viel Empathie von psychischer Gesundheit, mit Witz und Poesie vom Jugendlichsein und Erwachsenwerden. Und davon, wie viel leichter es wird, wenn man bei alldem so gute Freunde hat wie Matti. (Klappentext)
Der Pöllisch (Englisch und Physik), am Goethegymnasium, würde nicht dabei zusehen, wie sie ihr Leben vergeigten, deswegen wurde es nicht Amsterdam. Und weil sich die Klasse nicht zwischen Rom und Paris entscheiden konnte, wurde es eben Amrum.
Jens Itterbeck, den Matti Nazi nannte, war arm. Matti nicht, sein Vater machte in Radartechnik, stark gefragtes Zeug, leiden konnte er Itterbeck trotzdem nicht. Nach der Schule streifte er ziellos durchs Haus. Sein Vater war auf der International Defence, seine Mutter verreist und Mafalda in der Stadt. Sie hatte ihm sein Essen in die Mikrowelle gestellt. Er suchte sich im Ankleidezimmer seiner Eltern einen Casual Look zusammen. Er fand Chinoshorts (Lacoste), einen Kalbsledergürtel (Hermès), ein Poloshirt (Ralph Lauren), Bootsschuhe (Timberland). Darüber zog er den Webpelz seiner Mutter (Prada). Er überquerte die Terrasse, lief unter strahlend blauem Himmel und ließ sich rückwärts in den Pool fallen. Die Klamotten im Wert von 5.000 Euro sogen sich voll Wasser und er musste sie ausziehen, wenn er nicht ertrinken wollte. Danach schwammen sie so semi, knapp unter der Oberfläche.
Im Bus nach Amrum sitzt Matti neben seiner Freundin Anna, also seiner besten Freundin. Hinter ihnen sitzt sein bester Freund Can, schön wie ein Lotus. Sie kommen am Nachmittag an, vom Meer ist weit und breit nichts zu sehen, es ist Ebbe. Als die anderen zur Jugendherberge hochgehen setzt Matti sich wortreich ab: Er muss telefonieren, eine bestimmte Muschel für Anna finden, will sich die Schiffe ansehen. Er läuft eine ganze Weile und steht dann alleine auf dem Watt. Sieht das Wasser näherkommen, will umdrehen und kann sich nicht bewegen. Stocksteif steht er da. Zweimal denkt er „Jetzt“ und weiß nicht warum, dann wird er nach hinten gerissen und abgeschleppt. Seine Fersen malen Spuren in den Sand. Als er wieder richtig klar ist, sieht er Itterbeck ins Gesicht und verflucht ihn.
Fazit: Der Autor und Schauspieler Stephan Lohse (Das Summen unter der Haut 2023) hat mit dieser Coming of Age – Erzählung wieder eine fulminante Unterhaltung hingelegt. Ich schaue seinem fünfzehnjährigen Protagonisten zwei Jahre lang beim Erwachsenwerden zu. Matti tut sich schwer mit seinem Körper, besonders mit dem Mittelteil, weil der sich schwer kontrollieren lässt, während sein Kopf nicht sicher weiß, was er will. Anna oder Can, Can oder Anna. Zu all seinen Unsicherheiten kommt das elterliche Desinteresse. Doch als wäre das nicht ausreichend reagiert Matti mit Aussetzern, die ihm die ernstzunehmenden Diagnoseschlüssel F43.2 und F44.9 einbringen. Das erstaunliche an dieser schwungvollen Geschichte ist, wie überzeugend der Autor (Jahrgang 1964) sich in die Jugendlichen hineinfühlt. Ich hatte einen humorvollen und rasanten Trip in meine eigene Jugend. Wer die Geschichte genießen möchte, sollte sie mit einem toleranten Augenzwinkern lesen, denn nicht alles ist glaubwürdig. Ich würde das Buch dem Genre Jugendliteratur zuordnen und es unbedingt dem nächsten pubertären Menschen, der mir vor die Füße läuft, in die Hand drücken. Es geht um sexuelle Orientierung, Freundschaft und mentale Gesundheit.
Der Autor: Stephan Lohse wurde 1964 in Hamburg geboren, studierte am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und stand als Schauspieler unter anderem am Thalia Theater Hamburg, an der Schaubühne in Berlin und am Schauspielhaus in Wien auf der Bühne. Sein Debütroman Ein fauler Gott erschien 2017, der Roman Johanns Bruder 2020. Im Insel Verlag erschien 2023 der Roman Das Summen unter der Haut, der Buch des Monats im NDR war und auf der Deutschlandfunk-Bestenliste stand.