Rezensionen Öffentlicher Nahverkehr

Öffentlicher Nahverkehr von Thea Mengeler

Autorin: Thea Mengeler, Genre: Frauen in der Gesellschaft, Feminismus, Verlag: Wallstein, ISBN: 978-3-8353-6153-9, 1. Auflage 08/2026, 232 Seiten, Preis Hardcover €22,00

Hotlist Gewinnerin mit ihrem Buch „Nach den Fähren“ 2024

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Das Buch der Stunde: Eine junge Frau wehrt sich gegen digitale sexualisierte Gewalt.
Eine junge Frau führt ein erfolgreiches Leben als Influencerin – bis ihr Expartner gegen ihren Willen ein intimes Video von ihr veröffentlicht. Ihr Account wird daraufhin überschwemmt von Nachrichten, in denen sie gedemütigt und bedroht wird. Sie geht öine, flieht in eine fremde Stadt, in die Anonymität des ö-entlichen Nahverkehrs. Der Bus wird zu ihrem Rückzugsort und zu einem Spiegel: Sie beobachtet ihre Mitfahrenden, gibt ihnen Namen, stellt Vermutungen über sie an – und richtet dabei immer wieder den Blick zurück auf sich selbst. Der Roman erzählt eindringlich von sexualisierter, von digitaler Gewalt, von Blicken, Hass und Scham. Und er erzählt von den ganz alltäglichen Grausamkeiten: von sexistischen Rollenbildern, von dauernden Belästigungen und ständiger Angst. In der Protagonistin wächst die Wut über all das – und es erwacht in ihr eine Stimme, die nicht länger schweigen will. (Klappentext)

Zur Sternwarte

Sie sitzt in der Ringlinie 100, vorletzte Reihe, Zweierbank, keine Vierer. Sie will nicht gesehen werden, sie will beobachten. 

Charlottenstraße

Sie überwindet das schwierige Schloss ihrer Wohnungstür, ruckelt ein bisschen, bis es nachgibt. Sie tritt ein und wird von Stille umfangen. Keine Geräusche aus den Nachbarwohnungen, wie auf einer einsamen Insel, dort strandet man ebenso unfreiwillig. In den Schränken befindet sich nur das Nötigste, alles andere hat sie eingelagert. Ihr ganzes Leben eingelagert. 

Brückengasse

Jeden Tag entfolgt ihr ihr bis zur totalen Bedeutungslosigkeit. Sie könnte einen neuen Account anlegen, ihn Öffentlicher Nahverkehr nennen, ein paar kleine Anekdoten erzählen. Könnte die Stadtverkehrsbetriebe für Kooperationen anfragen. Ein schnelles Make-up auf den letzten Drücker zeigen, Brotboxen bewerben und Kaffeebecher. Man kann alles monetarisieren. Sie da vorne, fünfte Reihe @rapunzel könnte ihr Haar für uns herunterlassen, es flechten und hochstecken. Könnte uns ihre priorisierten Haarpflegeprodukte vorstellen. 

Charlottenstraße

Ihre ersten Fotos mit dem Selbstauslöser ihrer Handykamera stimmte sie unzufrieden. Sie fotografierte diese Unzufriedenheit, fand das Bild stark, postete es aber nicht. Sie nahm ein Gefälligeres, entschied, wie sie sich in die Welt beamte. Sie inszenierte, optimierte, kuratierte und badete in unseren Herzen. Was gefiel, das machte sie öfter. Ihr Körper wurde Werbekörper, bis er sie öffentlich entblößte und die Öffentlichkeit sie zerriss.

Fazit: Die Autorin Thea Mengeler, Hotlistgewinnerin 2024, hat sich in diesem Buch einem weiblichen Befreiungsschlag gewidmet. Ihre Protagonistin wählt unfreiwillig die Anonymität einer fremden Stadt. Sie verletzte die Eitelkeit ihres Ex-Partners, der sich an ihr rächte und ihr erfolgreiches Influencerinnen-Dasein sprengte. Jeden Tag fährt sie Bus und resümiert die vergangene Beziehung. Gleichzeitig beobachtet sie ihre Mitmenschen und interpretiert, wer sie sein könnten, was sie ausmacht. Sie bewertet, wie sie selbst bewertet wurde. Allmählich erfahre ich, was ihr im moralfreien Raum des Internets zugestoßen ist, wie sie durch die Verurteilung wildfremder Menschen niedergeknüppelt und bedroht wurde. Sie definiert von Männern gemachte weibliche Scham, Angst und Schmerz. Die Autorin zeigt mit knackiger, kreativer Sprache, wie stark uns das Patriarchat noch immer deckelt und begrenzt. Wie sehr wir weibliche Rollenbilder internalisiert haben und als selbstverständlich erachten. Und wie die Gesellschaft mit Frauen umgeht, die nicht die normativen Erwartungen erfüllen. Für mich ist dieses Buch eine Offenbarung. Nach dem Lesen fühle ich mich befreiter, weil Thea Mengeler das ausspricht, was mich umtreibt.

Ganz anders hat Jürgen Deppe (u. a. NDR) das Buch gelesen und regelrecht verrissen. Eines seiner Argumente gegen dieses Buch war, dass es zu einfach, zu plakativ erzählt sei. Feministische Floskeln als Antwort?, fragt er weiter. 

Dass Thea Mengelers Roman nicht das Buch der Stunde ist, das es hätte werden können, liegt nicht nur daran, dass die Geschichten von Collien Fernandes, Gisèle Pelicot und Claudia Wuttke mittlerweile öffentlich geworden und breit diskutiert worden sind. Jürgen Deppe

Ihm scheint die Diskussion hinlänglich auserzählt. Genug damit, auf zum nächsten Tagesordnungspunkt.

Ich finde, dass man gar nicht genug darauf herumreiten kann, wie Männer ticken können. Das sehen die Leser*innen, die das Buch feiern ganz genauso, wie ihre Fünf-Sterne-Bewertungen zeigen. Ein Buch, das für mich eine regelrechte Offenbarung ist, das ich deswegen gerne auf der Hotlist oder beim Deutschen Buchpreis gesehen hätte, damit es möglichst viele Leser*innen findet. Es ärgert mich, dass der Mann das Buch nicht verstanden hat und sein Einfluss eine Nominierung verhinderte. Damit macht er sich für mich zum Teil des Problems, das Thea Mengeler aufgearbeitet hat.

Die Autorin: Thea Mengeler geb. 1988, aufgewachsen in Krefeld, studierte Literarisches Schreiben und Kommunikationsdesign in Hildesheim, Kiel und Istanbul. Sie war Styria Artist in Residence und Writer in Residence im Museumsquartier Wien. Aktuell lebt sie als freiberufliche Autorin und Texterin in Hannover. 2024 veröffentlichte sie ihr Buch ‚Nach den Fähren‘, das im NDR -Buch des Monats- wurde, wenig später wurde es mit dem Preis der Hotlist ausgezeichnet. Außerdem erhielt Thea Mengeler für diesen Roman den Rotahorn-Literaturpreis.

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