Rezensionen Orca

Orca von Franziska Gänsler

Autorin: Franziska Gänsler, Genre: Coming – of – Age, Verlag: Kein&Aber, ISBN: 978-3-0369-5099-0, 1.Auflage 08/2026, 370 Seiten, Preis Hardcover €25,00

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2026

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Die Fleischtheke des Supermarkts am Tag, Stille bei Nacht: So sieht Coras Leben aus. Bis ihre Kindheitsfreundin Olympia verhaftet wird und alles zurückkommt. Der Sommer, in dem sie sich wiedergetroffen haben, in dem alles gesummt hat in ihr, das Seewasser noch auf der Haut, der Glitzer auf der Cap, die verzierten Fingernägel. Die langen Tage im großen, leeren Haus mit Olympia, die Cora erkennt, wie sie ist. Und wie schnell sie Olympia nicht mehr nur für sich hat nach der illegalen Party, auf der sie zum ersten Mal eine Grenze überschreiten, nach der Olympia so viel Zeit mit Ariel und ihrer Aktivistengruppe verbringt. Während Cora versucht, in der Schule und zu Olympia den Anschluss zu halten, schlägt eine radikale Idee ihre Triebe aus – und Cora verstrickt sich in ein Lügengespinst, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Eindringlich und betörend erzählt Franziska Gänsler von der Freundschaft zweier junger Frauen, ihrer Loyalität und dem unbedingten Willen, dazuzugehören. Sie zeichnet die Träume einer ganzen Generation. (Klappentext)

„Walking on Sunshine“ tönt es aus den Lautsprechern. Cora hat die Theke eingeräumt, der Ansturm kann beginnen. Morgens stehen die ungeduldigen Alten schlange. Cora hat mittlerweile ein Händchen dafür 100 g Leberwurst mit einem Streich abzuschneiden oder 250 g Schweinehack mit nur einem Schöpfer zu erwischen. Sie hat sich Angel Numbers ausgedacht und wenn sie 333 g Brät oder 222 g Kochschinken auf Anhieb abwiegt, weiß sie, dass es ein guter Tag werden wird. Die Kunden sprechen über Olympia Mitterwald, die mutmaßliche CEO-Mörderin und beste Freundin, die Cleo je hatte. Sie wurde in Berlin festgenommen. Seit dieser Nacht, die alles veränderte, hat sie nichts mehr von Olympia gehört und doch jeden Tag gewartet, dass sie wieder auftaucht, wie ein Omen. Gleichzeitig hofft sie, Olympia und ihre Erinnerungen an sie zu vergessen. 

Während der Pandemie hatte sich Cora das ganze Zeug angeeignet. Bei Rabbit fand sie gut gemachte Imitate von Prada und Burberry. Mit den Tutorials lernte sie, welche Fälschungen den Originalen am nächsten kamen. Sie lernte sich die Fingernägel zu stylen, so dass es professionell aussah, testete Gesichtspackungen, Peelings, Spülungen. Sie lud sich Fashion-Apps ebenso runter wie Fitness-Apps und stellte ihre Ernährung um, kurz sie erfand sich neu, um in Zukunft mit ihren stinkreichen Mitschülerinnen auf einer Wellenlänge zu schwimmen. 

Sie schlendert mit ihrem Proteinshake über den Parkplatz neben dem Supermarkt Richtung Wiese und hört es, bevor sie es sieht. Ein Schrei, dann ein Aufbäumen, braunes Fell, aufgerissenes Maul, gelbe Kaninchenzähne, der Bauch verklebt, Blut sickert in die Erde. Cora geht in die Hocke, um mehr zu sehen, dann verdunkelt sich der Himmel über ihr. „Ist das deins?“ „Nein.“ Ein Mädchen, so alt wie sie beugt sich über ihre Schultern. Basecap mit Strasssteinen, Minirock mit Navyprint, Top gerade so bauchfrei, schwarze schwere Cowboystiefel, lange rosa Haare, die sie an den Schläfen gekonnt mit Gel fixiert hat. Cora erhebt sich, schaut ihr genau ins Gesicht. „Ach“, gegenseitiges Erkennen. „Du bist doch Olympia“. „Cora“. Olympia umarmt sie. Sie hatten sich zuletzt als Kinder gekannt, wohnten im selben Haus, bevor Cora mit ihren Eltern wegzog.

Fazit: Die Autorin Franziska Gänsler hat in ihrem dritten Roman eine Coming-of-Age Geschichte erzählt. Ihre Protagonistin Cora fühlt sich nirgendwo dazugehörig. Sie ist klug, belesen und kopiert jeden, der ihr in die Quere kommt, um Anerkennung zu finden. Ein Stipendium ermöglicht ihr einen Platz an einem Gymnasium, das den Rich Kids vorbehalten ist. Als sie ihre Freundin aus Kindheitstagen wiedertrifft, geraten beide an eine Gruppe von Umweltaktivisten, die die klimatischen Veränderungen ernst nehmen. Cora will so unbedingt dazugehören, dass sie Aktionen in Eigenregie plant, sich aber aus Zeitmangel in Unglaubwürdigkeiten verstrickt. Sie kämpft mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit ihrer Freundin, die ihr zu entgleiten droht. Franziska Gänsler erzählt inhaltsreich und dabei hat sie mich auf den ersten 150 Seiten verloren, die mir zu langatmig waren. Die Stärke liegt bei der Ich-erzählenden Protagonistin, während die anderen Charaktere blass bleiben, die immer lachen, lachen, lachen. Die Sprache ist überzeugend jugendlich, die allgemeine Unsicherheit, die mit Überheblichkeit überspielt wird, kommt bei mir an. Die gegenwärtigen Kapitel werden mit „Walking on Sunshine“ eingeleitet, woran ich mich gut orientieren konnte. Die letzten 100 Seiten nimmt der Roman gewaltig an Fahrt auf, so dass ich ihn nicht mehr aus der Hand legen konnte. Wer also bereit ist, die erste lange Hürde zu nehmen, wird mit einem spannenden Plot belohnt. Es geht um Zugehörigkeit, Identität und Loyalität. Orca ist gerade (2026) für den Deutschen Buchpreis nominiert worden. 

Die Autorin: Franziska Gänslers Debütroman Ewig Sommer erschien 2022. Er wurde in diverse Sprachen übersetzt, für das Theater adaptiert und mit mehreren Preisen ausgezeichnet. 2025 war die englischsprachige Ausgabe ein New York Times Editor’s Pick. Nach Wie Inseln im Licht (2024) erscheint mit Orca ihr dritter Roman. Franziska Gänsler lebt in Augsburg und Berlin.

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