Rezensionen Evas Tochter

Evas Tochter von Annette Mingels

Autorin: Annette Mingels, Genre: Gegenwartsliteratur,Verlag: Penguin, ISBN: 978-3-328-60480-8, 1. Auflge 08/2026, 240 Seiten, Hardcover €24,00

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Eine junge Frau schlägt mitten in ihrer Heimatstadt ein Zelt auf und bewegt die Bewohnerinnen zu einem neuen Blick aufs Leben
Sommer in einer deutschen Kleinstadt. Mitten im Villenviertel steht plötzlich ein Zelt auf dem Bürgersteig. Sophie von Clüver, das schwarze Schaf der Familie, ist zurückgekehrt und campiert vor ihrem Elternhaus. Wie eine Anklage steht das Zelt da – oder wie ein Hilferuf. Und es beschäftigt die Nachbarschaft: Hanne, verwitwet und einsam, die Sophie von klein auf kennt. Künstlerin Greta, die sich aus klassischen Familienmustern befreien will. Schulfreundin Wanda, die Sophie immer beneidet hat. Die Abiturientin Lilli, die ihr Taschengeld als Cam-Girl aufbessert. Hjördis, die mit ihren Neurosen ringt. Judith, die sich mit siebzig ans Online-Dating wagt. Und Eva, die Mutter von Sophie, die so stark scheint, aber Angst hat, ihrer Tochter nach Jahren der Trennung wieder zu begegnen. Kunstvoll verknüpft ‚Evas Tochter‘ die Geschichten von acht Frauen zu einem vielschichtigen Romankosmos. Welche Herausforderungen stellt der Alltag an sie, und welche Antwort finden sie darauf, womöglich gemeinsam? Mit großer Wärme und Empathie erzählt Annette Mingels von weiblichen Lebenswelten heute. ‚Alles, was weibliches Leben heute ausmacht, kommt in diesen souverän erzählten Geschichten vor, in diesen eindrucksvollen literarischen Porträts von acht Frauen höchst unterschiedlichen Alters.‘ Deutschlandfunk Kultur (Klappentext)

Greta steigt vom Rad ab und beobachtet das Zelt genau vor der Klinkervilla. Es stand am Rande des Bürgersteigs, die Heringe in den Vorgarten des großen Anwesens geschlagen. Was das wohl soll? „Mama?“. Isabells Stimme aus dem Fahrradanhänger. Sie muss sie in die Kita bringen, steigt wieder auf und radelt los. In der Kita läuft Isabell ohne jede Scheu auf ihre Freundin zu und Greta verschwindet, mit einem entschuldigenden Lächeln für die anderen Mütter. Small Talk ist nicht so ihr Ding, außerdem muss sie noch für ihre Mutter einkaufen. Lass sie das selbst machen, hatte Frank gesagt. Doch Greta geht ja selbst einkaufen, warum also nicht. 

Als sie mit einer Einkaufstüte in der Hand ankommt, geht direkt die Türe auf, als hätte ihre Mutter dahinter gewartet. Ein, da bist du ja endlich, lässt Greta die Luft anhalten. Sie beißt die Zähne zusammen und geht in die Küche, um die Tüte auszupacken. Ihre Mutter räumt das Gemüse in den Kühlschrank. Sie könne übrigens selbst einkaufen gehen, sei schließlich noch nicht alt und tattrig. Greta dreht sich um, sieht ihrer Mutter ins Gesicht. „Du siehst heute wirklich jung aus.“ Sie sei beim Friseur gewesen. „Ach“. Wegwischende Handbewegung. Ist was passiert, will Greta wissen. Sie brauche Fotos für die Kampagne, deswegen sei heute das Fotoshooting geplant. Greta schluckt. Sie sollte sich aus der Kommunalpolitik raushalten. Landrätin! Was soll Greta sagen, wenn sie darauf angesprochen wird?

Hanne schaut aus dem Fenster. Da steht das Zelt immer noch genau vor Evas und Jacobs Haus, wie eine Anklage. Hanne schüttelt den Kopf. Auf die Idee kann eigentlich nur Sophie gekommen sein, Evas Tochter. Wahrscheinlich ist sie jetzt wirklich gestrandet. Jemand sollte das Ordnungsamt rufen.

Fazit: Die Autorin Annette Mingels hat in ihrem 8. Roman virtuos mehrere Frauenschicksale miteinander verwoben. Ich lerne Greta kennen, die sich freiwillig in ihre Rollenzuweisung gefügt hat, jetzt aber damit nicht mehr zufrieden ist und einen erneuten Start ihrer Künstlerinnenkarriere anvisiert. Eva, die Mutter von der zeltenden Sophie, aus deren Ehe alle Luft gewichen ist und die mit ihrer Tochter über die Maßen hadert. Hanne, Evas ehemalige beste Freundin, die sich einsam und verlassen fühlt, seit ihr Mann verstorben ist. Die psychisch angeschlagene Sophie von Clüver kampiert vor ihrem Elternhaus, weil sie neuen Anschluss an das Leben ihrer Eltern sucht und nicht daran glaubt, dass ihre Mutter das freiwillig zulässt. Jeder der Anwohner des Villenviertels ist darauf bedacht, den schönen Schein nach außen zu wahren, doch die rebellische Sophie bringt sie einander näher. Die Autorin zeichnet ein feinfühliges Bild jeden Charakters und lässt mich alles über die inneren Gemütszustände und Bedürfnisse ihrer Darsteller wissen. Kapitelweise beobachte ich die unterschiedlichen Sichtweisen aller Beteiligten und kann mich empathisch einfühlen, ohne zu beurteilen. Am Ende wird ein zartes Band gebunden, dessen Versöhnlichkeit mir ein paar Tränen ins Gesicht gezaubert haben. Ein ganz wunderbares Buch. Für alle, die gerne Kristine Bilkau lesen. 

Die Autorin: Annette Mingels, geboren 1971, studierte Germanistik und schloss mit einer Promotion ab. 2003 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, dem sechs weitere und ein Erzählband folgten. Für ‚Was alles war‘ erhielt sie 2017 den Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag. Zuletzt erschien 2023 der Roman ‚Der letzte Liebende‘. Nach Jahren in der Schweiz, in Montclair (USA), Hamburg und San Francisco lebt Annette Mingels seit 2021 mit ihrer Familie bei Berlin.

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