Rezensionen Ihr kriegt uns hier nicht raus

Ihr kriegt uns hier nicht raus von Selim Özdogan

Autor: Selim Özdogan, Genre: Coming – of – Age, Verlag: Kanon (Kampa), ISBN: 978-3-98568-220-1, 1. Auflage 08/2026, 270 Seiten, Preis Hardcover €25,00

Werbelink*
Werbelink*
Werbelink*

Köln, Anfang der 80er-Jahre. Baran wächst in einer Welt der Gegensätze auf. Sein Vater Merter arbeitet auf dem Bau, doch den Blaumann tauscht er freitagabends gegen die dunkelgrüne Schlaghose. Seine Großmutter Berfin spricht nur Kurdisch, aber versteht sich mit allen. Seine Mutter Damla denkt an die Berge, als sie zum ersten Mal das Meer sieht. Als Familie Konak ausgerechnet in ein besetztes Haus zieht, prallt ihre Welt auf alternative Lebensentwürfe. Zwischen Plenum, Demos und Häuserkampf entsteht eine Gemeinschaft, die es eigentlich nicht geben dürfte. Wie lange das gutgeht? Bis es ums Geld geht, denn spätestens dann hört jeder auf, ein Held zu sein. (Klappentext)

Damla war vierzehn, als sie den vier Jahre älteren Merter heiratete. Danach ging Merter für drei Jahre zum Militär und Damla lebte bei ihren Schwiegereltern. Vom Mangel an fließendem Wasser und der fehlenden Elektrizität abgesehen, lebte sie dort gut. Ihre Schwiegermutter behandelte sie nicht wie ein Dienstmädchen, wie es in so vielen anderen kurdischen Familien geschah, sondern wie eine Tochter. Als Mertin seinen Dienst abgegolten hatte, gingen sie nach Deutschland, denn Merter wollte Geld verdienen. Er fand einen Job auf dem Bau, wo er fünf Tage die Woche schuftete. Am Wochenende allerdings zog er seine dunkelgrüne Schlaghose und ein Hemd an und ging zu den Männern, spielte Tavla, rauchte und redete. 

Baran wurde geboren und entpuppte sich als besonders kluges Kind. Schon im Kindergarten insistierte eine Erzieherin, der Junge brauche dringend ein Musikinstrument, was sie mantraartig wiederholte, bis Merter sich endlich breitschlagen ließ und Baran eine Melodica kaufte. Fortan saß Baran vor dem Radio und versuchte „Sieben Fässer Wein“, „Another Brick in the Wall“ oder „Highway to Hell“ mitzuspielen. Doch schon bald zeigte Merter sich zunehmend unzufrieden. Die grüne Hose blieb im Schrank hängen und er forderte am Wochenende seine Ruhe, was in der Zweizimmerwohnung nahezu unmöglich war. Dann verlor Baran die Ecke eines Schneidezahns, als er die Melodica blies und Merters Hand ihm direkt ins Gesicht klatschte. 

Merter hörte von einer Fünf-Zimmer-Wohnung für nur einhundert Mark Unkostenbeteiligung und entflammte. Fix war der Hausrat eingepackt und die Familie umgezogen. Ihre künftigen Mitbewohner waren etwas sonderbar, aber nicht unangenehm. Während Baran sich in der Frauen-WG oder beim Hühnerstall im Garten rumtrieb, saß sein Vater bei Plenen, ließ hitzige Diskussionen an sich abprallen und dachte über all die Schlappschwänze nach, die sich zu behaupten suchten.

Fazit: Der Autor Selim Özdogan hat einen erheblichen Teil seiner Familiengeschichte zu Papier gebracht. Baran wächst zwischen Lahmacun und Currywurst auf. Er entwickelt sich zu einem feinfühligen, begabten Jungen und weil er anders ist, hat er keine Freunde. Seine Mutter Damla kann weder lesen noch schreiben und sehnt sich nach den Bergen zurück und sein Vater Merter ist ein großmäuliger Aggressor, ein Herrscher, der Schwächlinge ebenso verabscheut wie Frauen. Zuerst holt Merter Barans älteren Bruder Orkun nach Deutschland, dicht gefolgt von seiner Mutter Berfin. Nachdem Baran sich der seltsamen Oma angenähert hat, werden alle seine Bezugspersonen Frauen sein. In dem besetzten Haus in der Kölner Kerpener Straße findet Baran immer jemanden, der ihn wahrnimmt. Seine Oma spricht nur kurdisch und wird dennoch geschätzter Gast in der Frauen-WG. Die Stimmung des Romans spiegelt exakt die 80er-Jahre wider. Der Kalte Krieg, Friedensbewegungen versus Rote Armee Fraktion. Die jungen Menschen zeigen, dass sie den Bedrohungen durch russische und amerikanische Raketen müde sind. Sie wollen gleiche Bildungschancen und günstigen Wohnraum für alle und sind bereit, sich den Wasserwerfern, Tränengasbomben und Knüppeln entgegenzustellen. Der Kontrast zwischen Hausbesetzern und „Gast“arbeitern ist nicht so ungewöhnlich. Ich bin selbst 1987 auf die Kiefernstraße in Düsseldorf gezogen und habe Seite an Seite mit Punks, Autonomen, Uranwohnern und „Gast“arbeitern gestanden, als das Sondereinsatzkommando, auf der Suche nach Bader-Meinhoff, durch die Straße zog. Hier schafft der Autor ganz wunderbar, die Zerrissenheit zwischen den Kulturen darzustellen. Und obwohl die familiäre Situation mit dem unberechenbaren Vater schwer auszuhalten ist, ist Selims Geschichte nicht als Abrechnung oder Phishing for pity zu verstehen, sonder als eine Beobachtung, die nicht bewertet, sondern jedwede Bewertung dem geneigten Leser zutraut und überlässt. Hier wurden so passende wie schöne Worte gefunden, um eine besondere und nicht gewöhnliche Geschichte zu transportieren. Es geht um das Fremdbleiben, Einsamkeit und toxische Männlichkeit. 

Der Autor: Selim Özdogan, geboren 1971, hat seit seinem Debütroman ‚Es ist so einsam im Sattel seit das Pferd tot ist‘ (1995) zahlreiche Romane, Erzählungen und Hörbücher veröffentlicht.-Er wurde unter anderem mit dem Stipendium des Deutschen Literaturfonds, dem Hohenemser Literaturpreis und dem Förderpreis zum Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet und 2016 zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb-eingeladen.

Du magst vielleicht auch

Kommentar verfassen