Wand an Wand von Maja Zade
Autorin: Maja Zade, Genre: Gegenwartsliteratur, Gesellschaftsroman, Verlag: Matthes & Seitz, ISBN: 978-3-7518-1083-8, 1. Auflage 09/2026, 350 Seiten, Preis Hardcover €25,00
Nominiert für den Harbour Front Debütpreis 2026
Ein Mietshaus, zwei Höfe, ein Kastanienbaum – und ein Geflecht aus Leben, die Wand an Wand verlaufen, sich berühren, auch verfehlen. Da ist Maja, die im Hinterhaus lebt und zwischen Schreibkrise, dem komplizierten Liebeschaos ihres besten Freundes und der Angst um ihre todkranke Freundin versucht, nicht im eigenen Alltag zu versinken. Unter ihr, wo noch vor Kurzem das Schreien einer Nachbarin die Polizei auf den Plan rief, wagt Jürgen mit seinem jüngeren Partner einen Neuanfang – und muss sich zugleich mit einer Tochter auseinandersetzen, die Besitzansprüche und alte Verletzungen mitbringt. Im Vorderhaus flüchtet sich indessen ein Ehepaar in Fantasien von einem aufregenderen Leben, während der alleinerziehende Kay nachts seinem bisherigen nachhängt. Ihre Kämpfe um Liebe, um Anerkennung, um Identität führen sie alle hinter geschlossenen Türen. Und doch dringen ihre Geschichten durch Wände und Fenster, mischen sich im Hof, im Treppenhaus, bei den Mülltonnen, wo unerwartete Verbindungen entstehen. Maja Zade erzählt von einem Haus als Mikrokosmos einer Stadt – und von Menschen, die nebeneinander existieren und sich doch unausweichlich prägen. Ein vielstimmiger Roman über Nähe und Distanz, über das Altern, Begehren und die fragile Hoffnung, dass aus bloßer Nachbarschaft so etwas wie Verbundenheit erwachsen kann. (Klappentext)
Und, fragt Johanna. Was und? Maja legt sich quer aufs Sofa, das Telefon am linken Ohr und schaut aus dem Fenster in die Krone des Kastanienbaums. „Was ist mit deiner irren Nachbarin im Erdgeschoß“? „Chaotisch, gestern hat sie wieder stundenlang geschrien, bis jemand die Polizei gerufen hat. Ich kam gerade aus der Bar, hatte einige Cocktails mit Thorsten getrunken, da standen zwei Polizisten vor der Haustüre, wollten wissen, ob ich hier wohne“. „Betrunken sein ist nicht strafbar“. „Ja klar, aber peinlich. Bin über die Fußmatte gestolpert und der eine musste mich auffangen“. „Wann kann ich dich denn mal wieder besuchen, ich buche mir ein Ticket und steige morgen früh in den Zug, ich vermisse auch mein kleines Patenmädchen“. „Du im Moment ist nicht so gut“. Johanna hat Angst, ihrer besten Freundin zu begegnen, Angst in ihrem Blick Mitleid zu finden, das würde sie nicht auch noch schaffen. Der Gebärmutterhalskrebs war jetzt unaufhaltsam vorangeschritten, die letzte Chemo hatte sie ausgezehrt. Und dann Majas Sorge, nein, das kann sie nicht.
Leyla kommt außer Atem hinter der Lobby an. Sven tippt versonnen im Computer. Entweder Tinder oder Insta schätzt sie. Es ist mitten in der Woche, nicht alle Zimmer sind belegt, das könnte eine ruhige Schicht werden. Sie haben so einen Deal laufen. Immer wenn ein bekannter Schauspieler eincheckt, holt Sven ein Champagnerpickolöchen aus dem Kühlschrank und sie stoßen an. Heute will Sven Keanu Reeves gesehen haben. Leyla wird ihm wohl glauben müssen. Nach der Schicht fährt sie nach Hause. Sie findet die Küche vor, als hätte ein Gelage stattgefunden. Zwei Rotweingläser mit Pfützen darin, überquellende Aschenbecher, zerknüllte Taschentücher. Sie öffnet das Fenster, nimmt einen tiefen Atemzug, sieht in die nächtliche Silhouette des Kastanienbaums. Sie hört Marcus im Schlafzimmer schnarchen, während sie eine eingehende WhatsApp checkt. Sven hat ihr ein Dickpic geschickt. Es ist nicht ihr erstes Schwanzbild, aber sie wird sich nie daran gewöhnen. Sie geht ins Schlafzimmer, lüpft Marcus Bettdecke, er ist wie immer nackt, hält die Kamera vor seinen schlaffen Penis und sendet das Foto an Svens Adresse. Jetzt wird er es sein, der morgen betreten zu Boden guckt und nicht sie.
Fazit: Die Dramaturgin und Übersetzerin Maja Zade hat in ihrem Debüt (nominiert für den Harbour Front Debütpreis 2026) einen Berliner Altbau und seine Bewohner*innen skizziert. Ich lerne kapitelweise die ideenlose Schriftstellerin Maja kennen, die mit der Angst lebt, ihre beste Freundin zu verlieren. Die Hotelangestellte Layla, deren Freund seine Ex-Freundin tröstet. Die Lehrerin Theresa, die regelmäßig Schauspieler bedrängt und deren Mann Stefan, der die polnische Reinigungskraft anhimmelt. Jürgen begegnet mir, der sich erst nach dem Tod seiner Frau outete und sein Partner Paul, der bei Jürgens garstiger Tochter keine Sympathie erzeugt. Maja Zade spinnt mit großer Kenntnis die Bedürfnisse, Hoffnungen und Befindlichkeiten der Menschen in der Kastanienallee rund um den erhabenen Baum im Innenhof. Die Geschichten der einzelnen Bewohner*innen stehen für sich, doch im großen Finale begegnen sie sich alle im Innenhof. Manche Figur fand ich etwas überzeichnet, aber das hat mich nicht besonders gestört. Einige Charaktere glaubte ich persönlich zu kennen, so gut sind sie gelungen. Ein Buch, das sich in etwa so liest, wie man eine bestimmte Netflixserie sieht. Schöne zwischenmenschliche Aufarbeitung.
Die Autorin: Maja Zade , aufgewachsen in Deutschland und Schweden, studierte englische Literatur an der London University und der Queen’s University in Kanada sowie Theaterproduktion an der Royal Academy of Dramatic Art in London. Neben Lehrtätigkeiten an der Theaterhochschule Malmö und der Edinburgh University übersetzt sie Dramen von u. a. Lars von Trier, Lars Norén, Caryl Churchill und Marius von Mayenburg. Ihre Theaterstücke feiern regelmäßig internationale Erfolge. Sie lebt in Berlin und ist Leitende Dramaturgin an der Schaubühne. Wand an Wand ist ihr erster Roman.