Raus bist du noch lange nicht von Julia Rothenburg
Autorin: Julia Rothenburg, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN: 978-3-627-00355-5, 1. Auflage 09/2026, 256 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Mehrfach ausgezeichnete Autorin
Ein spannend intensiver und in seiner Feinfühligkeit radikal ehrlicher Text über Freundinnenschaften – über das, woran wir uns festklammern und was sich loszulassen lohnt.
‚Ich konnte den Roman nicht aus der Hand legen. Julia Rothenburg nimmt uns mit ins finstere Herz zerstörerischer Freundinnenschaften und zeigt, wie diese Beziehungen uns ein Leben lang prägen.‘ Julia Wolf
Alice macht Schluss. Manche würden sagen, ‚es ist doch nichts‘, sicher sogar wird Christin das gleich sagen. Aber nachdem, was mit Yv war – es ist zu viel. Alice arbeitet noch nicht lange als Erzieherin in einer Kita in Berlin, und ihre Kollegin Christin ist ihr auf Anhieb sympathisch. Zusammen zwischen klebrigen Händen, nervösen Eltern und Kindertränen, das schweißt zusammen – schneller und enger, als es Alice lieb ist. Sie muss das beenden, bevor es an alten Wunden rührt, wenn es nicht sogar schon zu spät ist.
Das letzte Mal, als Alice eine Freundschaft zu eng wurde, ist noch nicht lange her. Der Umzug nach Berlin, der erste Job in einer Kita und die ‚geilste WG aller Zeiten‘ mit Mo, Reike und Yv. Doch was als intensive Freundschaft begann, eskalierte in der engen Vier-Zimmerwohnung mit den welligen Tapeten schnell. Damit sie Nähe wieder zulassen, ihre Ängste überwinden und heilen kann, muss Alice für sich einstehen. Aber das ist leichter gesagt, als getan …
Julia Rothenburg schreibt über Freundinnenschaften, wie man es selten gelesen hat: fatal ehrlich, offen verletzlich und auf raue Art berührend. Wie wertvoll, prägend und alles überstrahlend diese Bindungen sein können, aber auch wie tief die Verletzungen sind, wenn Vertrauen missbraucht wird.
‚Ein Roman über die Sogkraft von Freundschaft. Schonungslos und so ehrlich erzählt, dass die Geschichte noch lange nachhallt.‘ Mascha Unterlehberg (Klappentext)
Alice sitzt Christin gegenüber. Um sie herum bumst der Bass aus zu kleinen Lautsprechern. Stimmengewirr, Gläserklirren, Lachen. Sie dreht ihr Glas zwischen Daumen und Zeigefinger, etwas Bier schwappt über den Rand. Sie sieht Christin ins Gesicht und sagt, ich mach Schluss, steht auf, dreht sich um und schiebt sich an den Leuten vorbei zu den Toiletten. Die Toilettentür lässt sich schwer öffnen, sie stemmt sich dagegen, sie knallt hinter ihr zu und die Musik dringt nur noch dumpf in ihr Ohr. Alice schaut in den Spiegel, ihre Hände zittern, sie hält sich an der Keramik fest. Da waren ihnen ihre Worte um die Ohren geflogen. Seit der Sache mit Yv sind ihr Dinge wichtiger geworden, aber das kann Christin nicht wissen, weil Alice ihr nie davon erzählt hat. Sie weiß noch, wie Christin zurück in die Kita kam, sie hatte eine Auszeit genommen, nur deswegen hatte Alice den Job bekommen. Christin kam herein, lächelte und Alice wusste sofort, wer sie war. Durch den Trubel der Eltern, die ihren Kindern Jacke und Schuhe auszogen, beobachtete Alice sie. Dann ging sie langsam auf sie zu, seltsam zurückhaltend, aber die Hand ausgestreckt. Christin schloss sie gleich in die Arme und drückte sie an sich. „Wie war deine Auszeit“. Gut, sagte Christin. Das war ihre erste Lüge.
Mo und Reike waren zusammen verreist, als Alice die Wohnungstür aufschloss. Der Flur war dunkel und kahl. Eine der fünf Türen stand etwas offen. Durch den Spalt sah Alice diffuses Licht und einen bunten Teppich. Hallo, rief sie. Da kam sie auch schon aus ihrem Zimmer geschossen. Hey, ich bin Yv und du must Alice sein, strahlte sie. Sie setzten sich in die nahezu leere Küche auf Alice Koffer und lernten sich kennen. Die wenigen Tage, bis Alice ihre neue Stelle antrat, klapperten sie die Sperrmüllberge ab, fanden einen Holztisch, den sie dunkelblau lackierten, ein paar Stühle und einen fuchsiaroten Zweisitzer, der sich mit dem Rot der Wandfarbe im Flur biss. Yv warf sich stolz darauf und klopfte auf das zweite Sitzkissen, aber Alice ekelte sich vor ihrer Fantasie, die ihr vorspielte, welche Körperflüssigkeiten schon in den Bezug hineingesickert waren. Yv lachte laut. Alice mochte sie. Immer wenn sie in ihr neues Zuhause kam, kam Yv aus ihrem Zimmer geschossen. Sie sah Alice, hörte zu und war so … so intensiv. Erst als Mo und Reike von ihrer Reise zurückkamen und sich in ihren eigenen Zimmern einrichteten, begann Yv mit dem Türenknallen.
Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Autorin Julia Rothenburg hat in ihrem zweiten Roman die tragische Tiefe einer Frauenfreundschaft ausgeleuchtet. Alice kennt die besten Freundinnen Mo und Reike aus Schulzeiten. Sie hatte sie aus der Ferne bewundert, aber nie etwas mit ihnen zu tun gehabt. Als Alice ein Zimmer sucht, stellt eine ehemalige Klassenkameradin den Kontakt zu Mo her. Reike, Mo, Alice und Yv ziehen zusammen in eine Vier-Zimmer-Wohnung. Die feinfühlige, sensible Yv reagiert eifersüchtig auf die Freundschaft zwischen Mo und Reike, sie möchte Mo ganz für sich beanspruchen. Die konfliktscheue Alice gerät dazwischen und hört sich Yvs Leid an. Yvs psychische Instabilität führt dazu, dass sich niemand mehr ungezwungen bewegt, aus Angst, Yv zu provozieren. Doch Yv insistiert und bricht Alices Vertrauen, bis die Idee von Freundinnenschaft zum Albtraum wird. Du meine Güte hat mich die Geschichte mitgerissen. Alle Charaktere sind intensiv gezeichnet. Die unbekümmerte Mo, die einfach nur ihr Ding machen will, die bodenständige Reike, die die Dinge gerne klärt, die harmoniesüchtige Alice, die keine Grenzen setzen kann und die Grenzgängerin Yv. Hilflos lässt die Autorin mich dabei zuschauen, wie Alice rumeiert in dem Versuch, es jedem recht zu machen und sich kleinmacht. Die Erfahrungen in der WG sitzen bei Alice tief, ihr Misstrauen ist groß. Aus Gründen gibt sie einer neuen Freundschaft keine Chance. Ich fand Alice Entwicklungsschritt großartig, die nach dieser Erfahrung Richtung Selbstschutz tendiert. Die Geschichte wird aus Alice Sicht erzählt, im Grunde aus einer öffentlichen Toilette heraus. Zu Anfang fand ich schwierig, Vergangenheit (Mo, Reike, Yv) versus Gegenwart (Christin) auseinanderzuhalten. Das ist aber mein einziger Wermutstropfen an dieser ansonsten nervenaufreibenden Geschichte.
Autorin: Julia Rothenburg wurde 1990 in Berlin geboren. Sie studierte Soziologie und Politikwissenschaft in Freiburg und Berlin. Für das Manuskript ihres Debütromans ‚Koslik ist krank‘ (FVA 2017) erhielt sie den Retzhof-Preis für junge Literatur, mit ihrem zweiten Roman ‚hell/dunkel‘ (FVA 2019) das Jahresstipendium für Literatur vom Land Baden-Württemberg. Ihr dritter Roman ‚Mond über Beton‘ (FVA 2021) wurde mit dem Bayern2-Wortspiele-Preis und dem Meißner Literaturfestpreis ausgezeichnet.