Rezensionen Das Vogelhaus

Das Vogelhaus von Jan Weiler

Der Autor: Jan Weiler, Genre: Tragikomödie, Verlag: Heyne, ISBN: 978-3-453-44371-6, 1. Auflage 09/2026, 348 Seiten, Preis Hardcover €24,00

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Ein Buch über das Heimkehren ― und über die Orte, die mehr über uns wissen als wir selbst.

Wenn Leonard Beck nach seiner Post sieht, ahnt er stets das Schlimmste. Und tatsächlich ist es ein unscheinbarer Brief seiner Mutter, der ihn nach Jahren zurückruft an den Niederrhein: Ein Haus steht zum Verkauf. Und obwohl dieses Haus keine guten Erinnerungen weckt, zieht es ihn magisch an. Leonard, der gerade seine Stelle am Theater verloren hat, reist in die Heimat und damit in seine Vergangenheit. Er trifft auf Menschen, die ihm einst wichtig waren. Und immer wieder steht er vor dem unscheinbaren Haus, dessen Geheimnis er damals nicht lüften konnte. Jetzt aber will er ihm auf die Spur kommen, stellt sich endlich seinen Ängsten – und macht dabei Entdeckungen fürs Leben. (Klappentext)

Leonard macht um seinen Briefkasten einen großen Bogen. Selten findet er darin etwas Erfüllendes, meist sind es Zahlungsaufforderungen oder Werbebroschüren. Seit drei Tagen ist er wieder drumherum geschlichen, jetzt will er einen Vorstoß wagen. Er entnimmt ein Schreiben seiner Bank und staunend einen Brief seiner Mutter. Sie hat seine Adresse sorgfältig in Blockbuchstaben geschrieben und vermittelt Dringlichkeit. Es muss etwas passiert sein. Sie hätte ihn auch einfach anrufen können, was sie nie macht oder eine E-Mail schreiben, was sie auch nie macht. Damit will er sich jetzt keinesfalls so ad hoc auseinandersetzen, er geht einkaufen. Während des Gangs zum Supermarkt fragt er sich doch, was seine Mutter von ihm wollen könnte. Deshalb macht er sich schleunig auf den Rückweg. Er öffnet die Haustüre, den Briefkasten, entnimmt das Corpus Delicti, ruft den Fahrstuhl, fährt mit Einkauf und Umschlägen ins fünfte. Vor der Wohnung zückt er den Schlüssel, lässt dabei die Briefe fallen, hebt sie wieder auf und verliert den Schlüssel, lacht über seine Schusseligkeit und glaubt, dass diese Trotteligkeit auch eine Begabung ist. In der Küche drückt er einen Espresso, setzt sich, schiebt das Bankschreiben nach rechts, die Werbung nach links. Er ergreift den mittigen Mutterbrief, öffnet ihn und entnimmt ein Hausinserat. Auf dem aufgepappten Post it liest er: „Wir dachten, das könnte dich interessieren!“ 

Seine Eltern und er haben kein besonders inniges Verhältnis. Zweimal pro Jahr besucht er sie zumeist am 24. Dezember, wo seine Mutter, seinen Vater und ihn mit selbst gebackenen Plätzchen und Kuchen oder „vielleicht lieber etwas herzhaftes?“ bewirtet. Sie schleppt Teller, Tassen, Untertassen über den Läufer zwischen Küche und Wohnzimmertisch und seit ihrer Lunge ein leichter Pfeifton entweicht, nennt Leonard den Teppich im Geiste Seufzerbrücke. Sein Vater gibt alle Todesfälle im Umkreis von zehn Kilometern zum Besten: Die Inge, Oberschenkelhals, zwei Wochen Krankenhaus, dann tot. Oder der Peter, obwohl, der war ja schon die letzten dreißig Jahre tot. Dann die Dings, wie hieß sie noch? Leonard kennt keinen Menschen, der langweiliger ist, als sein Vater. 

Fazit: Jan Weiler hat wieder sein humoristisches Geschick spielen lassen. Diesmal zeichnet er einen ungeschickten Theaterregisseur, den ein Hausverkaufsgesuch in die alte Heimat lockt. In seinem Elternhaus lässt er seine Vergangenheit Revue passieren und versucht die traumatischen Erfahrungen während seines Zivildienstes zu verarbeiten. Allen voran die Eindrücke in besagtem Vogelhaus mit seinem skurrilen Besitzer. Ich erfahre alles über die demente Frau Beinhard, das zierliche Gespenst, das sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Die Eheleute Passlack, er ketterauchend und beinlos im Rollstuhl, seine Frau Dialysepatientin. Herr Berger, der sich immer hinter der Schlafzimmertür versteckte und sein Versteck kichernd preisgab. Und natürlich über den gruseligen Cordt Schwabe mit seinen vier kreischenden Aras. Wieder hat Jan Weiler Situationskomik geschaffen, die mir Tränen in die Augen getrieben hat. Ich mag die Ideen des Autors ebenso wie seine Schreibweise. Dieses Buch ist nicht mit „Der Markisenmann“ zu vergleichen, das ich aus vollem Herzen geliebt habe, aber das muss es auch gar nicht. Hier zeigt Jan Weiler, wie es sich für junge Männer ohne große Lebenserfahrung anfühlen kann, plötzlich alten, pflegebedürftigen Menschen sehr nahezukommen. Die Interaktionen sind liebevoll und amüsant beschrieben. Es geht aber auch um die Annäherung eines Sohnes an den Vater und entfernt um sexuelle Orientierung. Hier steckt insgesamt viel zum Thema Männlichkeit drin, das ich überaus unterhaltsam fand. 

Der Autor: Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins. Sein erstes Buch »Maria, ihm schmeckt’s nicht!« gilt als eines der erfolgreichsten Debüts der letzten Jahrzehnte. Es folgten unter anderem »Antonio im Wunderland«, »Mein Leben als Mensch«, »Das Pubertier«, »Älternzeit« und die Kriminalromane um den überforderten Kommissar Martin Kühn. Auch seine Romane »Der Markisenmann« und »Munk« standen monatelang auf der Bestsellerliste. Neben seinen Romanen verfasst Jan Weiler Kolumnen, Drehbücher, Hörspiele und Hörbücher, die er auch selbst spricht. Er lebt in München und Umbrien.

 
 
 

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