Rezensionen Nachts nur das Rauschen

Nachts nur das Rauschen von Luka Leben

Autorin: Luka Leben, Genre: Gesellschaftsroman Mutterschaft, Verlag: Otto Müller Verlag, ISBN: 978-3-7013-1346-4, 1. Auflage 09/2026, 286 Seiten, Preis Hardcover €26,00

Debütroman

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In Jules Nächten rauscht es: im Babyphon, das den Schlaf ihres Kindes überwacht, vom Bach her, der unablässig am Haus vorbeifließt – und in ihrem Kopf, wo Fragen, Zweifel und Sorgen kreisen, die sie nicht zur Ruhe kommen lassen: Was heißt es, Mutter zu sein in einer Gegenwart, die alles verlangt und wenig trägt? Jule und Elias haben ein Kind, das sich anders entwickelt als die meisten. Während das Umfeld ausweicht oder wegschaut, wächst in Jule eine leise Gewissheit, für die lange die Worte fehlen. Selbst innerhalb der Familie wird es zunehmend schwierig, eine gemeinsame Sprache zu finden – mit dem Kind, das nicht sprechen lernt, aber auch zwischen Elias und Jule. Elias ist da und doch entzieht er sich, gestützt von Strukturen, die ihn entlasten und Jule überfordern. Eine Diagnose gibt Jules Suche endlich eine Richtung. In digitalen Räumen findet sie, was im Alltag fehlt: Austausch, Resonanz, ein vorsichtiges Gefühl von Zugehörigkeit, und immer wieder die Erfahrung, nicht allein zu sein. Nachts nur das Rauschen ist ein intensiver Roman über die Widersprüche moderner Elternschaft und über Mutterschaft als Ort tiefer Verbundenheit und zugleich von Schuldgefühlen und Einsamkeit. Er erzählt von gesellschaftlichen Erwartungen, ungleich verteilter Verantwortung und strukturellen Hürden, die Familien formen. Eine Prosa von großer Nähe, die nicht beschwichtigt, sondern sichtbar macht.
Intimes Porträt moderner Mutterschaft: von der Zerrissenheit zwischen Liebe, Überforderung und dem Wunsch, verstanden zu werden. Eine Familie auf der Suche nach Sprache: für ein Kind, das nicht spricht – und füreinander, wo Worte zunehmend fehlen. Eine leise, eindringliche und körperlich spürbare Erzählung über Elternschaft jenseits von Idealbildern. (Klappentext)

Elias und Jule suchen ein neues Zuhause. Sie wollen raus aus der Stadt. Jule kann noch nicht wissen, was auf sie zu kommt, sie romantisiert die Dinge gerne, denkt Elias. Schließlich ist er in den Südtiroler Bergen aufgewachsen. Jule läuft voraus, sein breiter Rücken stört ihre Sicht, weiß er. Sie bewundert die alten Häuser im Ortskern, zückt die Kamera, blickt durch die Linse, selbstvergessen. Ihm ist, als beobachte er ein Tier oder ein Kind. Er mag ihre Fotos, aber der Akt der Objektsuche hat für ihn etwas Eitles. Sie nimmt ihre eigene Sicht der Dinge sehr wichtig. Dann zeigt er auf das blaue Haus und Jule strahlt. 

Elias trägt das Baby durchs Wohnzimmer. Ein Blick ins Schlafzimmer zeigt ihm Jule, wie sie ausgestreckt im großen Bett liegt. Sie hatte sich vor der Geburt viele Sorgen gemacht, unnötig, wie er findet. Das Kleine hat ein wenig Gelbsucht, das haben viele Säuglinge, allerdings musste es mit der Glocke geholt werden, weil es zum Ende hin brenzlig wurde. Die Nabelschnur hatte sich um den kleinen Hals gelegt. Seit er die beiden von der Wochenstation geholt hat, weint Jule viel. 

Jule macht sich auf den Weg zur Kindergruppe. Sie hat das Kleine in den Buggy gelegt, wie immer gibt es wimmernde Geräusche von sich. Sobald sie es festgeschnallt hat, versucht es aus der misslichen Lage zu entkommen, verliert dabei die Kontrolle über den Kopf und schlägt damit an die Seitenstäbe. Es sei noch zu früh, sagt Jule, während die anderen Mütter besorgt gucken. Der Buggy sei ab sechs Monate empfohlen, aber Jules Kind ist schon dreimal so alt.

Fazit: Die Illustratorin Luka Leben hat in ihrem Debütroman eine junge Familie gezeichnet und dabei die Fallstricke moderner Mutterschaft herausgearbeitet. Ihre Protagonistin Jule scrollt besorgt durchs Netz. Sie weiß, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt. Sie steht mit ihren Eindrücken einer Entwicklungsverzögerung allein da. Ihr Mann Elias bagatellisiert und ist eh meistens beruflich unterwegs. Die ersten Lebensjahre ihres Kindes kämpft Jule mit den Defiziten, der Unberechenbarkeit und den Blicken der anderen Mütter. Ihr Kind hat motorische Schwierigkeiten und es spricht nicht. Die Frühförderung findet keine Beantragung, weil keine Diagnose gestellt wird. Die fiktive Geschichte ist eine Klatsche ins Gesicht der Leistungsgesellschaft, die jede Abweichung von der Norm mit unverhohlener Abneigung ahndet. Jule wird von allen allein gelassen, erstickt bald am Druck ihrer Verantwortung und dem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Das Paar driftet auseinander. Während Elias sich die Situation schönzureden versucht, indem er seiner Frau einen Hang zur Neurotik und mangelnden Realitätssinn vorwirft, entzieht er sich der eigenen Verantwortung mit ausgiebigen Dienstreisen. Die Schulmedizin versagt, weil sie sich nicht festlegen will. Diverse Logopädinnen scheinen ihren Beruf verfehlt zu haben. Die Autorin konzentriert sich ganz auf Jules Erleben und verdeutlicht damit sehr genau, wie sie sich fühlt. Dieses Buch hat nach mir gegriffen, mich in einen Strudel aus Hilflosigkeit und Ungerechtigkeit gesogen und am Ende erschüttert ausgespuckt. Luka Leben ist eine neue, mitreißende Stimme. 

Die Autorin: Geboren 1989 in Salzburg, studierte Kunst und Kommunikative Praxis sowie Germanistik und promovierte zu Visual Literacy und multimodalen Kompetenzen. Sie unterrichtet Kreatives Schreiben sowie Kunst und Gestaltung und illustriert Kinder- und Jugendbücher. Ihre Kurzgeschichten erschienen in Literaturzeitschriften wie Konzepte, Edition Mosaik, erostepost, SALZ und Archipel. 2024 erhielt sie den Rauriser Förderungspreis für Literatur. Sie lebt mit ihrer Familie in Salzburg.

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