Die Brüder, die wir waren von Andreas Wunn
Autor: Andreas Wunn, Genre: Politische Fiktion, Verlag: Pfaueninsel (Bastei Lübbe), ISBN: 978-3-69131-027-6, 1. Auflage 09/2026, 252 Seiten, Preis Hardcover €24,00
Ein großer Roman über die Risse in unserer Gesellschaft
In ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich. Max, der Jüngere, bewundert den älteren Julius, aber er misstraut ihm auch. Ende der 90er Jahre gehen sie zum Studium nach Berlin. Julius wird Journalist, Max Arzt. Beide lieben Nina, die Julius heiratet. Doch Max kommt von ihr nie los.
Als Julius‘ Karriere ins Stocken gerät, verhärten sich seine politischen Ansichten. Die Kluft zwischen den Brüdern wird tiefer, sie werden sich fremd. Dann verschwindet Julius, und Max ahnt warum. Er muss sich Fragen stellen, die er lange vermieden hat: Wie gut kennen wir die Menschen, die uns am nächsten stehen? Und halte ich zu meinem Bruder, auch wenn er gefangen scheint in einer Welt aus Lüge und Zorn? (Klappentext)
1985
Der zehnjährige Max bewundert seinen drei Jahre älteren Bruder Julius. Sie schlafen immer in einem Bett, Fuß an Kopf. Wenn Julius Grind am Knie hat, weil er beim Skaten gestürzt ist, findet Max die Stelle und streicht darüber. An dem Abend, als die Eltern im Theater sind, sitzt Julius plötzlich aufrecht im Bett. Er ruckelt Max an der Schulter. „Da unten ist jemand.“ Max schaut durch die halb offene Kinderzimmertür und lauscht, hört nichts. „Komm steh auf, wir müssen runter gucken!“ Julius greift nach dem massiven Tennisschläger seines Vaters und schiebt sich durch die Tür. Max zittert, will weinen, hält aber die Luft an und folgt Julius. Unten angekommen lugt Julius um die Ecke ins Esszimmer, es ist niemand da.
2020
Max bestellt einen Cappuccino. Nina hat ihn angerufen und klang besorgt, deshalb trifft er sie. Er schließt die Augen, lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Als er sie wieder öffnet, sieht er sie auf sich zukommen. Er liebt ihren aufrechten Gang. Sie kommt zu seinem Tisch, er steht auf und sie umarmt ihn länger als erwartet. Nina setzt sich und bestellt ein Glas Weißwein, sie wirkt nervös. Sie habe schon länger nichts mehr von Julian gehört. Die Polizei suche nach ihm, ob er etwas wisse. „Nein.“ Er hat Julian blockiert, wollte nichts mehr von seinen kruden Ideen wissen.
2020
Max kauft Brot, Käse und Oliven beim Italiener und findet noch zwei vielsagende Flaschen Rotwein. Julius wird sich darüber freuen, er kommt am Abend zu ihm, weil die Restaurants im Lockdown sind. Max richtet die Speisen an, dann klingelt es. Er öffnet und Julius tritt ein. Max öffnet eine Flasche Wein. „Kein Riesling?“ „Nein.“ „Vater würde sich im Grabe umdrehen.“ Max lässt sich nicht provozieren. Er weiß nicht, seit wann Julius Vater sagt, bis vor kurzem nannten sie ihn noch Papa, wenn sie über ihn sprachen. Sie setzen sich auf den Balkon, Max reicht Julius das Brot. Erinnerst du dich an den Kirschbaum, fragt Max. „Nein, was ist damit?“
Fazit: Der Moderator, Korrespondent und Autor Andreas Wunn hat sich in dieser politischen Fiktion zwei unterschiedlichen Brüdern gewidmet. Der starke, coole Julius ist Max Vorbild. Einige Ereignisse, unter anderem der Kirschbaum, führen dazu, dass der erwachsene Max daran zweifelt, seinen Bruder immer richtig eingeschätzt zu haben. Während Julius sich für ein Journalismusstudium entscheidet, tritt Max in Vaters Fußstapfen und wird Arzt. Beide Brüder fühlen sich zur attraktiven Nina hingezogen, die Julius heiratet. Als die Twin Towers einstürzen, verstrickt Julius sich in fragwürdigen Ideen. Durch zwei berufliche Ablehnungen kurz hintereinander verhärten sich Julius Ansichten. Er repostet QAnons Beiträge und verkauft sein Handeln als Achtung der Meinungsfreiheit. Max distanziert sich von seinem Bruder. Die Geschichte wird kapitelweise in Vergangenheit und Gegenwart erzählt. Durch die Rückblicke lerne ich Julius kennen und erfahre, dass Julius seinen Bruder ebenso bewunderte und zwar für seine Zielstrebigkeit. Die Geschichte ist rund erzählt und überzeugend. Ich verstehe, dass man durch Enttäuschung am eigenen Lebensweg in einen Sog von Extremismus rutschen kann und sich als Unterstützer und Verbreiter von Verschwörungsfantasien den Anschein von Wichtigkeit geben will. Es ist allerdings schwer nachvollziehbar, dass man so verhärtet und in einer Überzeugung erstarrt, die ebensolche Zweifel aufwerfen sollte wie jede andere Ideologie. Und so ist das Ende hart und konsequent. Dieser Roman hat mich während des Lesens und auch danach gedanklich und emotional durchgerüttelt.
Der Autor: Andreas Wunn, geboren 1975, wuchs in Trier auf und lebt in Berlin. Beim ZDF leitet und moderiert er das Morgenmagazin und Mittagsmagazin. Davor berichtete er sechs Jahre lang als Südamerika-Korrespondent aus Rio de Janeiro. Sein Romandebüt Saubere Zeiten wurde 2023 zum Spiegel-Bestseller.