Broder von Dörte Hansen
Autorin: Dörte Hansen, Genre: Familienfiktion, Verlag: Penguin, ISBN: 978-3-328-60455-6, 1. Auflage 09/2026, 224 Seiten, Preis Hardcover €26,00,
Mehrfach ausgezeichnete Autorin
Über Herkunft, Rivalität und unsere Verantwortung für die Natur.
‚Es zählt nur einer auf dem Hof, das ist der Sohn, der bleibt. Aber die anderen, die übrig sind, die zweiten, dritten, vierten Söhne und die Töchter, die nicht zählen, bleiben Teil der Herde, ob sie wollen oder nicht. Weil sie mit großen Tieren aufgewachsen sind, ihr Atmen und ihr Brüllen kennen, und den Geruch von Milch und Mist noch an sich haben. Weil sie im Glauben an die alte, ungerechte Ordnung großgeworden sind: Vater, Sohn und heiliger Hof, schon immer so gewesen.‘ Broder Bahnsen wollte nie etwas anderes als Bauer werden, Nachfolger seines Vaters, der ihm den ‚Kuhverstand‘ vererbt hat, das Gespür für Tiere. Aber den Hof bekommt sein Zwillingsbruder Henning, nur wenige Minuten älter, immer schon selbstbewusster und mehr an Maschinen interessiert. Vom Hof vertrieben, baut Broder Bahnsen sich ein Gegenleben auf, wird Tierarzt und hält Abstand zum Betrieb, bis er nach über zwanzig Jahren wiederkommt und eine Praxis in der Nähe der Familie übernimmt. Ab da kümmert er sich auch um die Herde seines Bruders, der den elterlichen Hof zu einem hochmodernen Vorzeigebetrieb gemacht hat, mit Kühen, die auf maximale Milchleistung gezüchtet wurden. Doch der Erfolg hat seinen Preis. Broder ist der erste, der bemerkt, dass Henning langsam die Kontrolle über seinen Hof verliert. Und muss sich plötzlich fragen, ob er darauf nicht all die Jahre nur gewartet hat. Ist das die Gelegenheit, endlich den Platz seines Bruders einzunehmen? Oder hegt er genau wie seine Tochter Claire schon längst Zweifel an dieser Art der Tierhaltung? Dörte Hansen schreibt mit großer Klarsicht über eine Welt, in der unser Wachstumsglaube an seine Grenzen stößt und sich die Frage nach der Verantwortung gegenüber der Schöpfung immer dringender stellt. ‚Dörte Hansen ist mit Broder ein großer Roman gelungen, der mit unwiderstehlicher Klarheit von Umbruch und Verlust erzählt. Nie schreibt sie ein Wort zu viel, nie eins zu wenig. Die Figuren sind wie aus dem Leben gegriffen und die Bilder, die sie findet, ebenso ungewöhnlich wie ergreifend eingängig.‘ NDR Kultur, Buch des Monats ‚Wer ein Erzählkunstwerk der geschlossenen Form noch zu schätzen weiß, muss dieses bewundern.‘ FAZ ‚Broder ist eine ergreifende und humorvolle literarische Reflexion über Wandel, Vergänglichkeit und die Grenzen des Wachstums.‘ NZZ (Klappentext)
Der Februar ist der grausamste Monat im Jahr. Zu früh zum Säen und Pflügen, zu spät für Winterruh. Wer aufgibt, entscheidet sich im Februar. Legt sich ins Bett, zieht die Decke bis zur Stirn, Finger in die Ohren, damit das Gebrüll der Tiere aufhört. Man sucht einen Strick, einen stabilen Balken oder Ast. Dann kommt der letzte Tag im Februar. Der Himmel bricht auf, die Sonne strahlt und vertreibt Nebel und Sorgen. Wer es bis hierhin geschafft hat, atmet auf.
Zwanzig Kilometer weg vom Hof musste er ziehen, damit Marie-Claude mitkam. Ihre Vorgabe, kein Reetdach, keine Klinker, keine Sprossenscheiben. Nun wohnen sie in einem verglasten Bauhaus-Bunker, mitten unter den altehrwürdigen Häusern aus der Gründerzeit. Marie-Claude ist ganz zufrieden in dieser rauen Landschaft mit dem manisch-depressiven Himmel und malt Bilder von einem abgefackelten Hotel in allen Variationen.
Henning hat ihn angerufen, er müsse kommen. Jetzt. Broder Bahnsen regt sich auf, immer dieses Jetzt. Da fummeln und pulen Henning und der Alte die halbe Nacht an der Kuh rum und bekommen die Kälber doch nicht raus und dann soll er schnell kommen, der Tierarzt, der dafür nicht einmal bezahlt wird. Dem Broder hängt die Nacht noch im Kreuz. Er hat den Fahrdienst gemimt, wie er das seit Jahren schon macht für seine Freunde. Der Andi hat wieder des Nachbarn Frau angetanzt, bis der vehement sein Veto eingelegt hat. Holger hat zu vorgerückter Stunde geheult, weil er sich so alleine fühlt. Daneben der schicke Johan, der wie immer eingenickt ist. Die Thermoskanne ist so gut wie leer, weil er sie nicht aufgefüllt hat. Schöner Tagesanfang.
Fazit: Dörte Hansen hat abgeliefert. In ihrem heiß ersehnten neuen Roman zeigt sie eine Familie, die sich der Viehwirtschaft verschrieben hat. Die Zwillingsbrüder Henning und Broder Bahnsen wurden in die Milchwirtschaft hineingeboren. Henning, drei Minuten älter als Broder, tritt in Vaters Fußstapfen, weil er sich mit Maschinen besser auskennt. Broder meidet fortan den Hof und wird Tierarzt. Als er mit seiner Frau zurückzieht, wird er unentgeltlich in den Betrieb eingespannt, was zu regelmäßigen Wutausbrüchen führt. Henning hat alles so gut durchdacht. Auf Effizienz und Optimierung gesetzt, die Kühe hochgezüchtet und Milch im Überfluss. Die Besamung möglichst früh und genmanipuliert, denn Bullen kann der Betrieb nicht brauchen. Gummimatten gegen Klauenseuche, Melkroboter und doch rutscht der Betrieb in die roten Zahlen und Henning rutscht mit. Die Autorin erzählt von Landwirtschaft, die sich den Umständen anpasst oder verliert oder trotzdem verliert. Von einem höher, schneller, weiter, bei dem nicht nur die Tiere auf der Strecke bleiben. Sie erzählt von alten Traditionen und Rivalität zwischen den Brüdern, aber auch im Dorf. Man beäugt sich kritisch, wer hat den best geführten Hof, wer backt den besten Kuchen? Der schöne Schein ist wichtig. Dörte Hansen hat mich mit ihrer einzigartigen Erzählstimme wieder voll abgeholt, mich an die Hand genommen und staunen lassen. Ich habe dieses Buch ebenso gerne gelesen wie ihr drittes Buch „Zur See“.
Die Autorin: Dörte Hansen, geboren 1964 in Husum, arbeitete nach ihrem Studium der Linguistik als NDR-Redakteurin und Autorin für Hörfunk und Print. Ihr Debüt ‚Altes Land‘ wurde 2015 zum ‚Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels‘. Ihr zweiter Roman ‚Mittagsstunde‘ (2018) wurde mit dem Rheingau Literatur Preis sowie dem Grimmelshausen Literaturpreis ausgezeichnet. 2022 erschien ihr hochgelobter Roman ‚Zur See‘. Von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeiert, wurden alle ihre Bücher zu SPIEGEL-Jahresbestsellern. Dörte Hansen lebt mit ihrer Familie in Nordfriesland.