Rezensionen Kapitulation auf Kommando

Kapitulation auf Kommando von Nadia De Vries

Autorin: Nadia De Vries, Genre: Gegenwartsliteratur, Queere Literatur, Verlag: Dumont, ISBN: 978-3-7558-0097-2, 1. deutschsprachige Auflage 10/2026, 160 Seiten, Preis Hardcover €24,00

Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing

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Schellfisch wächst an der Küste auf; zweitausend Bewohner zählt der Ort im Winter, im Sommer kommen ein paar Hundert Urlauber dazu. Doch anders als den Ausflüglern und Touristen tun sich für Schellfisch nach der Schule nur zwei Perspektiven auf: im Stahlwerk zu schuften oder im Vertriebszentrum zu versauern – wie Schellfischs Mutter. Die trägt schwarzen Lippenstift und ernährt Schellfisch mit den Fischstäbchen, die ihre Liebhaber in der Tiefkühltruhe vergessen. Schellfisch wird zum Müllaufsammeln in den Dünen verdonnert und färbt sich die Haare blau. Wenn man für andere unsichtbar ist, kann man aussehen, wie man will, und braucht auch keine Pronomen. Doch insgeheim wünscht sich Schellfisch, beachtet zu werden und aus diesem Leben auszubrechen. Mit Duncan, der im Hospiz die Medikamente der Verstorbenen mitgehen lässt, Céline, die auch im Hochsommer Pelzmantel trägt, und Jeremy, der sich die Schneidezähne hat spitz feilen lassen, bildet Schellfisch eine eingeschworene Truppe – bis Schellfisch eines Tages zu weit geht. Aber auch ohne die Freunde und mit einer frischen Narbe im Gesicht denkt Schellfisch gar nicht erst daran zu kapitulieren, sondern sucht sich einen neuen Platz in der Welt. (Klappentext)

In den letzten Jahren meiner Jugend gehörte ich einer kleinen Truppe von Sonderlingen an. Wir kamen alle aus Familien, die von fragilen Menschen angeführt wurden, und der Großteil unserer Erziehung unterlag dem Zufall. S. 9

Ihre Freunde waren Versehrte, die das wiedergaben, was sie Zuhause gelernt hatten. Auch Schellfisch wurde mit Anfeindungen belegt, das gehörte dazu. 

Ihre Familienmitglieder arbeiteten in der Fabrik, die unendliche Rußwolken über die Küste blies oder als Kommissionierer die Waren zum Verkauf bereitstellten. Es gab kein Tageslicht, weder in der Fabrik noch in den Lagern. Ein Tag verging wie der andere und man blieb vom Wechsel der Jahreszeiten weitestgehend unbehelligt. Es gab keinen Kundenkontakt und so bestimmte jeder selbst über seinen Kleidungsstil, die Haarfarbe oder die Größe der Löcher in Lippe, Augenbraue oder Ohrläppchen.

Schellfischs Freund Duncan arbeitete im Hospiz. Er war unter anderem für die Medikamentenentsorgung zuständig und so landeten Valium und Benzodiazepine in seinen Hosentaschen. An guten Tagen teilte er seinen Fund mit Schellfisch und danach waren sie so gechillt wie die Reichen, die für ein Yoga-Retreat viel Geld ausgaben. Celine teilte mit Schellfisch das Sternzeichen. Sie hatte noch keinen Mann geküsst, lag aber schon bei vielen im Bett, unfreiwillig. Um das zukünftig zu vermeiden, trug sie stets ein Messer im Pelzmantel, den sie ganzjährig trug. Jeremy wohnte eine Etage über Schellfisch. Er hatte sich die Zähne spitz gefeilt, nachdem sein großer Bruder bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Schuldige war Pim, er hatte das Auto gefahren, sich selbst beide Beine gebrochen und Mert das Genick. Jeremy dürstete nach Rache und trotz dieser Dunkelheit, oder vielleicht deswegen war Jeremy für Schellfisch der schönste Mann auf der ganzen Welt.

Schellfisch ist so hässlich wie die eigene Mutter, die das Kontrastprogramm wählte, sich von ihren zahlreichen Männern lieben zu lassen, weil man im Auge des liebenden Betrachters eben schön wurde, aber die blieben nie lange genug. Meist huschten sie kurz rein, parkten ihre gefrorenen Einkäufe kurz im Gefrierschrank und vergaßen sie nach dem Stelldichein. So wurde Schellfisch verlässlich mit Fischstäbchen und Spinat versorgt.

Fazit: Die Autorin, Lyrikerin, Kulturwissenschaftlerin und Redakteurin Nadia De Vries hat in ihrem zweiten Roman Armut, Klassismus, Queerness, Ausgrenzung und Manipulation verhandelt. Ihr*e Hauptdarsteller*in lebt mit der Mutter in einem 2000 – Einwohnerort an der Küste. Jeder in der Gegend hat die aussichtslose Möglichkeit, in der Fabrik oder im Lager zu arbeiten. Die Gegend ist so düster wie die Zukunftsaussichten. Als Jeremy sich an Pim rächen will, weiht er Schellfisch ein. Sie folgen dem Plan, nehmen Celine und Duncan mit ins Boot, um Pim zu entführen und zu quälen. Als Jeremy merkt, wie sehr Pim selbst unter dem Unfall leidet, wendet sich das Blatt gegen Schellfisch. Was als kräftig lakonische Erzählung begann, wird zum albtraumhaften Spießrutenlauf, als Schellfisch in die große Stadt geht, um eigene Chancen zu verbessern. Leute, so was Heftiges habe ich selten gelesen. In der Stadt zeigt sich erst richtig das Bedürfnis gefallen und gesehen werden zu wollen und die damit entstehende Abhängigkeit. Einige Szenen werden nur angerissen und dann überlässt die Autorin mich meiner eigenen wilden Fantasie. Der Schluss ist ein harter Schlag in die Magengrube und sorgt für ein Unwohlsein, das sich bei mir selten beim Lesen einstellt. Wenn ihr selbst Gewalt erfahren habt, dann rate ich euch von diesem Buch ab. Dies ist ein Buch für alle, die diese versierte, düstere niederländische Literatur lieben. Für alle, die „An Rändern“ von Angelo Tjissens, „Der Sohn des Friseurs“ von Gerbrand Bakker, oder „In ihrem Haus“ von Yael Van der Wouden mochten.

Die Autorin: NADIA DE VRIES, 1991 in den Niederlanden geboren, ist Schriftstellerin, Lyrikerin und Kulturwissenschaftlerin. 2020 wurde sie von der niederländischen Zeitung NRC zu einem der 10 literarischen Talente des Jahrzehnts ernannt. Sie schreibt regelmäßig für Het Parool, De Witte Raaf und Metropolis M und ist Redakteurin des Literaturmagazins nY. Ihr Zweitling -Kapitulation auf Kommandö stand auf der Shortlist des Libris-Literaturpreises und ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint.
LISA MENSING, 1989 geboren, arbeitet als Übersetzerin aus dem Niederländischen und moderiert Lesungen. Sie hat u.-a. Gaea Schoeters, Hanna Bervoets, Frank Martinus Arion und Christien Brinkgreve ins Deutsche übertragen. Sie lebt in Münster.

 

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