Rezensionen Ein guter Charakter

Ein guter Charakter von Julie Orringer

Autorin: Julie Orringer, Genre: Psychologische Fiktion, Verlag: Aufbau Verlage, ISBN: 988-3-351-04281-3, 1. deutschsprachige Auflage 10/2026, 415 Seiten, Preis Hardcover €26,00

Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder

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Eine große Liebe, das Porträt einer scheiternden Ehe und die Geschichte eines Verrats. Als Barr, Professor für Kreatives Schreiben, unter seinem eigenen Namen das Manuskript seiner Frau veröffentlicht, ahnt er noch nicht, welche Lawine er damit lostritt. Seine Frau Dava ist von ihrem gemeinsamen Leben als beliebte Professoren an einer Universität im Mittleren Westen schon lange unerfüllt. Unglücklich in ihrer Ehe mit Barr, arbeitet sie bis spät in die Nacht an ihrem Roman, angetrieben von einer Affäre mit der Kollegin Svetlana. Doch es wird für Dava immer schwieriger zu schreiben, sie verliert sich an eine Krankheit, die ihr das Gedächtnis raubt. Bis sie sich nicht mehr wehren kann, als Barr ihre Geschichte stiehlt und umdeutet. 
Ein Roman über das Erinnern und Vergessen, über Liebe gegen alle Widerstände und das Schreiben als Kampf gegen den Selbstverlust – und eine Hündin, die das Leben der Hauptfiguren auf ungeahnte Weise miteinander verbindet. ‚Packend, herzzerreißend, erlösend und eine Freude zu lesen – Julie Orringer hat uns ein großartiges Geschenk gemacht. Es wird Sie umhauen.‘ Andrew Sean Greer, Pulitzer-Preisträger (Klappentext)

Barr Pennington fasste einen Entschluss. Er würde einen Hund aus dem Tierheim aufnehmen. Das wollte er schon lange, aber Dava wusste das stets zu verhindern. „Viel Arbeit, wird alt, die Kosten.“ Jetzt ist Dava in Cedar Grove, ihre Krankheit machte eine Unterbringung notwendig. 

Dava hatte sich zunehmend zurückgezogen. Sie brachte die Jungs zur Schule, danach verschwand sie für Stunden, machte lange Spaziergänge. Bis tief in die Nacht schrieb sie in gelbe Notizhefte. Während ihrer Abwesenheit schlich Barr durch ihr Büro, öffnete Schubladen auf der Suche nach dem, woran sie so intensiv wie heimlich arbeitete. Dann fehlten ihr zunehmend die Worte. In der Uni beschwerten sich ihre Studentinnen über die einst brillante Professorin. Ihr Hausarzt vermutete Stress, doch Dava ließ sich an einen Fachmann verweisen. Nach dem MRT wurde offensichtlich, was Dava längst befürchtete. Ihr Parietallappen war deutlich atrophiert und ließ zeitliches und räumliches Denken verschwinden. Ein PET-CT und eine Lumbalpunktion gaben Gewissheit. Dava befand sich im fortgeschrittenen Stadium einer Alzheimer-Erkrankung. Sie wollte es niemandem erzählen. Ihre beiden Jungs merkten, dass etwas nicht stimmte und unterhielten sich flüsternd auf dem Treppenabsatz vor Davas Büro. 

Nicht lange nach Davas Unterbringung bemerkte Pennington in Davas Arbeitszimmer eine lose Fußleiste. Darunter fand er einige Dielen, die sich ebenfalls gelöst hatten. Als er darunter schaute, sah er einen Hohlraum und als er hineinleuchtete, fand er die gelben Notizblöcke. Er nahm sie heraus, setzte sich und schlug eines auf. Sie waren mit Davas kleiner Handschrift gefüllt. Es war die Geschichte ihrer Mutter, die in einem Frauenhaus gearbeitet hatte. Über den Vater, der sich für begnadeter hielt, als er war. Ihre Mutter hatte ein Verhältnis mit ihrer Arbeitskollegin. Mit etwas mehr Fantasie erkannte er, dass Dava in der Gestalt ihrer Mutter von sich selbst schrieb, vom überirdisch ausgiebigen Sex mit Svetlana. Sofort nahm er einige Korrekturen vor, dünnte die Sexszenen stark aus, gab dem Vater, der ja ihn verkörperte, den Anschein eines liebevollen, aufmerksamen Vaters, der seine Frau auf Händen trug, denn so war es doch, oder nicht? Er schickte das Manuskript seiner Agentin und die Dinge nahmen ihren Lauf. 

Fazit: Die von der amerikanischen Kritik gefeierte Autorin und Professorin Julie Orringer hat in diesem Buch die Geschichte einer unbefriedigenden Ehe erzählt. Dava war die Studentin des Literaturdozenten Barr und erlag seinem Charme. Sie bekamen zwei Kinder. Während sie Fachliteratur schrieb, erzählte er Romane. Dava ist unglücklich in der Ehe und ich erfahre einiges über ihren selbstgefälligen Mann, der hinter ihrer Brillanz verschwindet. Dava beginnt eine Affäre mit einer Kollegin und schreibt ihre Geschichte heimlich auf. Allmählich verliert sie einige kognitive Fähigkeiten und befürchtet das Schlimmste. Als Barr mit der Pflege seiner Frau überfordert ist, bringt er sie in ein Heim. Dann findet Barr das Manuskript seiner Frau, macht es sich zu eigen, vermarktet es und gewinnt damit wichtige Preise. Seine abflauende Karriere ist gerettet. Als eine versehrte Hündin in sein Leben tritt, vertraut er ihr sein Geheimnis an und weil Barr glaubt, dass die Hündin sprechen kann, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Die Geschichte ist raumgreifend aufgestellt. Auf über 400 Seiten finde ich das komplexe Gebilde dieser Ehe und Davas Erkrankung. Auch die Nebendarsteller, Davas Geliebte und deren Tochter, Davas Söhne, Barrs Assistentin und auch die Hündin sind umfassend ausgearbeitet. Das ist ein Brett von Buch, kompakt und umfangreich. Am Ende blieben keine Fragen offen und so konnte ich das Buch guten Herzens loslassen. 

Die Autorin: Julie Orringer, 1973 in Miami, Florida, geboren, ist eine von der Kritik gefeierte amerikanische Autorin und Professorin. Sie studierte an der Cornell University und am Iowa Writer’s Workshop und war Stegner Fellow an der Stanford University. Zu ihren früheren Werken zählen die Kurzgeschichtensammlung „Unter Wasser atmen“ und der Bestseller „Die unsichtbare Brücke“, der für die Longlist für den Women’s Prize nominiert war. Zuletzt erschien in den USA „The Flight Portfolio“ (jetzt eine große Netflix-Serie namens „Transatlantic“). Sie lebt heute mit ihrem Ehemann in Brooklyn. Gesine Schröder übersetzt aus dem Englischen, unter anderem Werke von Maya Angelou, Honorée Fanonne Jeffers und Louise Erdrich. Nach
Aufenthalten in den USA, Australien, Indien, England und Kanada lebt sie in Berlin.

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