Ein ganz normales Wunder von Woody Brown
Autor: Woody Brown, Genre: Gegenwartsliteratur, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-01648-2, 1. deutschsprachige Auflage 09/2026, 214 Seiten, Preis hardcover €22,00
Debütroman
Aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner
Dieser Roman ist eine Sensation! Woody Brown schrieb Geschichte als erster nicht-sprechender autistischer Absolvent der University of California. Sein Roman ist ein literarisches Ereignis. Und ein großes Geschenk. In einer Tagesstätte für Menschen mit Behinderung begegnen sich Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist Carlos, der Pfleger mit dem unerschütterlichen Optimismus, und der junge Tom, der sich wortlos nach einer Liebe verzehrt, die unerreichbar scheint. Und da ist Walter, der nach einem schweren Schicksalsschlag versucht, die Scherben seines Lebens wieder zusammenzusetzen. In der flirrenden Hitze Kaliforniens entfaltet sich eine Geschichte über die unsichtbaren Bande zwischen uns. Woody Brown schreibt mit einer solch feinsinnigen Beobachtungsgabe und einer Prise trockenem Humor über das Menschsein, dass man sich beim Lesen nicht nur in die Charaktere verliebt, sondern auch in das Leben selbst. (Klappentext)
Jorge schleicht durch die Hintertür der Station Richtung Schwimmbad und Parkplatz. Walter sieht es die Pfleger nicht. Die unterhalten sich ausschweifend über die letzte Folge Long Island, die Walter nicht gesehen hat, weil seine Mom sie nicht gucken will. Walter möchte sich bemerkbar, darauf aufmerksam machen, dass Jorge verloren gegangen ist, weil er sich um den sanften Riesen sorgt. Walter überprüft sein geringes Repertoire nach Worttauglichkeit. Aus unbekanntem Grund kann er nicht sprechen, allerdings gelingt es ihm, Filmsequenzen nachzuplappern. Sie nennen es Echolalie. Nach erfolgreicher Sortierung entscheidet er sich für das naheliegendste: „Thomas hat den Bahnhof verlassen!“. Da er aber öfter solchen Blödsinn erzählt, hört ihm erwartungsgemäß keiner zu. Also muss er sich wohl selbst auf den Weg machen. Er versucht aufzustehen, eine motorische Herausforderung für seinen ungelenken Körper. Dann folgt er Jorge. Er selbst zählt normalerweise nicht zu den üblichen Ausreißern, denn er mag keine Überraschungen. Alles, was seinen ritualisierten Alltag durchkreuzt, verunsichert ihn. Draußen auf dem Parkplatz ist niemand. Das Schwimmbad ist verschlossen, schon mal gut. Er will die Straße mit dem mäßigen Verkehr nicht überqueren, hinter der ein Park liegt. Er wendet sich nach links Richtung Spielplatz und sieht sofort Jorges Füße aus der Terrakottaröhre schauen. Jorge ist also in Sicherheit und Walter will ihn nicht stören, deshalb nimmt er auf der Bank platz und zählt die vorbeirauschenden Autos.
Fazit: Der Autor dieses Debütromans hat etwas geschafft, das vor ihm niemandem aus dem Autismus Spektrum, mit erheblichen Einschränkungen gelungen ist. Denn obwohl er nicht sprechen kann, hat er einen Abschluss im Bereich Creative Writing an der Columbia University gemacht. Diese Entwicklung verdankt er seiner Mutter, die ihn von frühester Kindheit an mit einer Buchstabentafel gefördert hat, aus dem einfachen Grund, mit ihm kommunizieren zu wollen. Der Autor hat einen Protagonisten namens Walter geschaffen, der ihm sehr ähnlich ist. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters, den Walter schmerzlich vermisst, muss seine Mutter wieder arbeiten, deshalb gibt sie Walter schweren Herzens in die Tagespflege der Einrichtung Upward Bound. Hier trifft Walter auf andere Menschen mit Autismus Spektrum Störungen. Ich erfahre kapitelweise die Sicht der anderen „Schützlinge“, der Pfleger, des Leiters, aber auch einer Kassiererin des Supermarktes, in den die „Schützlinge“ jeden Freitag geführt werden. So begegnet mir Tom, der schön wie ein Schauspieler ist, jedoch unter einer ausgeprägten Zerebralparese leidet. Ich lerne Jorge kennen, den Ausreißer, der seinen enormen inneren Druck mit dem geliebten Potato Head abzubauen versucht. Carlos, der Pfleger, der durch den frühen Verlust der Mutter ins soziale Aus geschossen wurde. Dave, der Leiter, der eigentlich Schauspieler oder Regisseur werden wollte und dann doch im Upward Bound gelandet ist. Avery, die Kassiererin, die die kreischende und zuckende Truppe jeden Freitag durch die Kaufhausgänge stromern sieht und endlich ihren Berufswunsch findet. Die Sprache ist sehr einfach. Der Einblick, den uns Woody Brown gewährt Gold wert. Das traurige Ende hätte ich nicht gebraucht. Es war mir nicht plausibel und diente eher dem Zweck noch ein wenig Rassismus mit hineinzubringen.
Es kursiert gerade die Frage, ob er dieses Buch wirklich geschrieben hat, oder doch seine Mutter. Die Frage finde ich nicht erheblich, weil ich mir sicher bin, dass ganz viel vom Autor im Buch steckt. Was mich stört, ist, dass das Thema Autismus hier mit sehr beschränkter Sicht, ähnlich „Rain Man“ oder „Forest Gump“ transportiert wird. Ich meine, die geneigte Leserin, für die das Thema unbekannt ist, könnte glauben „Aha, das ist also Autismus“ aber die in diesem Buch dargestellten heftigen Einschränkungen sind nur ein Teilaspekt. Das Autismus Spektrum umfasst ja viel mehr Menschen, eben auch jene, die nach dieser Lektüre glauben, sie seien nicht autistisch genug, weil sie Reizüberflutung erleben, emotionale Zusammenbrüche durch Überforderung, sich mit Tics und Stereotypen zu beruhigen wissen, aber sprechen können. Besonders Frauen im fortgeschrittenen Alter, die sich schon ewig anders fühlen und gelernt haben, sich anzupassen und zu maskieren, werden, wenn überhaupt, erst spät diagnostiziert. Der Leidensdruck ist aber ebenso erheblich. In diesem Buch entsteht ein sehr einseitiges Bild und ich hätte mir ein Vor- oder Nachwort gewünscht, um der nötigen Sensibilität für alle Betroffenen gerecht zu werden.
Erschien im Rahmen „Deutschland liest ein Buch“ in der 2. Jahreshälfte 2026 bei Kiepenheuer&Witsch und Die Zeit.
Der Autor: Woody Brown schrieb Geschichte als erster nicht-sprechender autistischer Absolvent der UCLA, wo er zudem mit Summa cum laude für sein Schreiben ausgezeichnet wurde. Seinen Master of Fine Arts im Bereich Creative Writing schloss er 2024 an der renommierten Columbia University ab. Er lebt in Los Angeles. Stephan Kleiner, geboren 1975, lebt als literarischer Übersetzer in München. Er übertrug u. a. Geoff Dyer, Michel Houellebecq, Gabriel Talent und Hanya Yanagihara ins Deutsche.